Karpathos - Agios Ioannis Fest in Wurgunda

31.08.2015

Glücklich darüber, dass ich wieder gehen kann, machen wir uns am Freitagabend auf zum Fest anlässlich dem Namenstag des Heiligen Johannes. Das wird in Wurgunda, einem abgelegenen Ort am Meer gefeiert. Menschenleer, karg und wüstenartig erstrecken sich die Ausläufer zum Meer hin. Entweder man lässt sich per Schiff durch das wilde Meer bringen, was eine knappe Stunde dauert. Oder man parkiert sein Auto in Avlona und geht 1 ½ Stunden zu Fuss den steinigen Weg runter zum Festplatz.

Wir kommen zu Fuss, bepackt mit Schlafmatten und Decken, Trinkwasser und etwas Essen. Denn das Fest dauert nonstop bis zum Sonntagmittag. Wir werden nur eine Nacht mit dabei sein. Doch diese Nacht gibt uns schon einigen Einblick in die hiesigen Bräuche.

Bis 20:00 Uhr trudeln immer mehr Menschen ein. Kinder, Jugendliche wie Alte, an die 500. Verstreut über das ganze Gelände suchen sie nach einem flachen Schlafplatz. Manche bringen nur ihren Schlafsack, manche eine dünne Matte. Doch es gibt auch hier die Reichen: Sie lassen sich per Esel aufblasbare dicke Matratzen, Leintücher, Kissen und Decken bringen, es fehlt an nichts.

Das Spezielle an diesem Ort ist, dass er direkt am Meer, inmitten einer dorischen Ruinenstadt liegt. Ganz am Zipfel der Landzunge steigt man runter in die Kapelle, die sich in einer natürlichen Höhle befindet. Mystisch ist es dort. Die Luft voller Weihrauch. Kerzen brennen. Mitbringsel der Gläubigen verzieren die Heiligenbilder. Darunter sind viele Büschel Basilikum. Denn diese Pflanze ist hierzuland heilig, hält die bösen Geister fern, bringt Glück.... Das Becken mit Weihwasser wird vom heruntertropfenden Wasser gespeist. Der Pope im schwarzen Zylinder singt vor, die Männer nach. Monotone Gesänge. Hier holen sich die Menschen Kraft, indem sie die Heiligenbilder mit ihrer Stirne berühren, das Kreuz auf die Brust zeichnen, Basilikum zwischen den Fingern zerreiben, Gebete murmeln. Kerzen entzünden, die sie in eine Schale mit Sand stecken. Ein Mann steckt sich einen Basilikumzweig unter sein Hemd. Bringt ihm das wohl Glück heute Nacht?

Gegen 21:00 Uhr werden die Mädchen, dann die Frauen eingekleidet. In wunderschöne Trachten werden sie gesteckt, voll prächtiger Stickereien. Die Kopftücher mit farbigen Blumenmustern bedruckt, die Schürzen voller glitzernen Pailletten. Die Unterröcke schwarz, manche weiss. Je reicher die Familie, desto mehr sind die heiratsfähigen Mädchen mit Ketten aus Goldmünzen geschmückt. Mit ihren Eltern pilgern sie dann in die Kapelle, wo sie den Segen des Popen erhalten. Das geht etwa zwei Stunden.

Nach der Segnung des Brotes wird das Essen serviert. Für so viele Leute keine einfache Sache. Doch die Verantwortlichen stürzen sich voll in die Arbeit und geben alles, dass es Niemandem an etwas fehlt. Brot, Tzatziki, Wassermelone, gemischter Salat, Fleisch, Reis und Pommes werden serviert. Gekühlter Retsina in Flaschen, alles soviel man mag. Gekocht wird auf Gasherden in riesigen Pfannen, Licht liefert ein uralter Generator. Kein Wort über den Preis des Essens. Der einzige Ort, wo wir etwas spenden können, ist die Kapelle.

Dann wird inmitten der Esstische die Bühne für die Musikanten eingerichtet. Zwei Tische werden zusammengeschoben und zwei wacklige Bänke darauf gestellt. Auf diese Bänke setzen sich vier Männer, einer mit Dudelsack, zwei Butoukis und einer mit einer Lyra. Eine sehr einfache Musik, fast tranceähnlich, monoton. Ebenso ihr Gesang. Die Töne vermischen sich mit dem Meeresrauschen, dem Wind. Eine unsagbare Stimmung, sie wird verstärkt durch den heutigen Vollmond...

Dann um etwa 01:00 Uhr nach Mitternacht eröffnen drei Männer den Tanz. In kleinsten Schritten tanzen sie ganz ruhig und fast unbemerkt drei Mal um die grosse, sitzende, schwatzende Menschenmenge. Ihre Arme um die Schulter des Nächsten. Das dauert um eine Stunde.

 

 

Nach und nach gesellen sich die Trachtenfrauen zu den Tanzenden. Sie alle bilden eine lange Reihe, halten mit gestreckten Armen immer den übernächsten links und rechts Tanzenden. Als Verbindung zwischen den sich Haltenden dient ein hübsches Taschentuch.

Langsam, es ist vielleicht schon drei oder vier Uhr, spielt die Musik bewegter, der Gesang dazu wird lauter. Die Tanzschritte beschleunigen sich. Keine Mine verziehen die Trachtenfrauen, ihr Blick ist stolz, die Haltung stoisch. Bis zum Sonnenaufgang steigert sich die Stimmung, die Musik wird lauter, rhythmischer. Der Takt wird auf die Tische geschlagen, geklatscht, laute Zwischenrufe der Zuschauer. Vorne an der Reihe tanzt immer ein Mann. Mit extravaganten Sprüngen versuchen sie, sich von der elegantesten Seite zu zeigen.

Ist man müde, legt man sich etwas hin und schläft. Bis einen ein Ruf oder die immer wilder werdende Musik wieder weckt. Dann steht man auf und setzt sich an einen Tisch bei den Zuschauern. Diese sind ebenso wichtig wie die Tanzenden, denn diese müssen bewundert, fotografiert, angespornt werden.

Dann beginnt es zu dämmern. Es ist nun 06:00 Uhr. Innerhalb einer halben Stunde klinkt sich eine Trachtenfrau nach der andern aus der Reihe der Tanzenden. Sie sind müde, verständlich! Die ganze Nacht haben sie hindurch getanzt.

Wie viele andere packen auch wir unsere Sachen und benutzen noch die Kühle des frühen Morgens, um den Aufstieg zurück nach Avlona zu machen. Wir gehen wie in Trance, im Ohr immer noch die drei Töne des Dudelsacks, überwältigt von all dem, was wir in dieser Nacht gesehen und gehört haben. Ein traditioneller, authentischer Anlass, ein Open Air der Extraklasse.