Kirchweihe Agios Zaharias in Saria

09.09.2015

Nicht schon wieder ein Kirchenfest, schon wieder im Freien übernachten und kaum Schlaf! Doch, Koni will unbedingt und ich lasse mich erweichen.

Es ist gut zu wissen, warum es hier so viele Kirchenweihfeste gibt: Jede angesehene Familie in Karpathos besitzt eine Kapelle zu Ehren einer oder eines Heiligen. So heissen sie dann auch Αγία Ιρήνι, heilige Irene oder Άγιος Σαχαρίας, heiliger Zacharias. Am Namenstag dieses Heiligen, dem die Kapelle gewidmet ist, ist es üblich, dass die Besitzer ein Fest in der Kapelle organisieren. Dieses folgt überall etwa denselben Ritualen. Alle die wollen, dürfen daran teilnehmen.

Am Freitagabend um 16:00 Uhr steigen wir dann ins Boot mit allen andern. Die Reise geht nach Saria, einer verlassenen Insel im Norden von Karpathos. Viel Gepäck ist dabei, Schlafsäcke, Matten, Esswaren. Wir merken schnell, dass das kein Fest für Touristen ist, wir sind die einzigen Nichtgriechen. Es ist nicht nur eine Reise zu einer entlegenen Insel, nein, es ist eine Reise in ein anderes Zeitalter.

Die letzten steigen ein, eine 98 jährige dürre Frau, traditionell schwarz gekleidet. Dann der Pope in Sonnenbrille. Und los geht die Fahrt. Es dauert nicht lange, da holt ein Junge mit Punkhaarschnitt einen Dudelsack hervor, sein Freund die Laute, ein älterer Mann seine Lyra. Weitere Männer kommen herbei und stimmen mit Gesang in die Musik ein. Es spritzt und schwankt auf dem Boot, Hochstimmung. Auch ein griechischer Fotograf ist mit von der Partie, er möchte diese Tradition der Kirchenweihfeste im Norden von Karpathos dokumentieren. Alle kennen die Lieder, wer Lust hat singt mit. Mit dieser Musik im Ohr schaukeln wir entlang der Ostküste Richtung Norden. Dann erreichen wir Steno, die schmale Meeresenge, danach beginnt die Insel Saria. Es dauert eine gute Stunde bis wir Palatia erreichen, Niemandsland. Die Festgesellschaft steigt aus und Nikos fährt mit seinem Boot zurück nach Diafani. Er holt uns morgen gegen 16:00 Uhr hier wieder ab.

Mit Sack und Pack laufen wir los, die Schlucht hinauf nach Argos, einem Ruinendorf. Dort sind die Vorbereitungen im vollen Gange. Die Frauen der Gastgeber sind am kochen. Und all die Männer? Sie setzen sich auf die bereitgestellten Bänke, ziehen ihre Instrumente hervor, singen und musizieren.

Wie die 98 jährige Frau hierher gekommen ist, bleibt uns verborgen. Doch hier sitzt sie, mit wachendem Blick und ihrem Holzstock, unterhält sich mit den Leuten, ist äusserst vergnügt. Auch andere ältere Leute die schlecht zu Fuss sind, zählen zur Festgesellschaft. Ihre Ware tragen sie selber hinauf, mucksen nicht wegen der Hitze, klagen nicht über ihre schlechten Schuhe. Auch sie kommen irgendwann an, egal wann.

Für unser Nachtlager suchen wir ein flaches Stück Boden. Im Vergleich zu den Andern sind wir super ausgestattet. Wir blasen die Matten auf und legen sie auf die Bivakdecke. Gut, haben wir auch Decken mit dabei! Sie schützen vor Wind und Feuchtigkeit.

Noch vor Sonnenuntergang pilgert die Gesellschaft zur Kapelle, die am äussersten Zipfel des steilen, felsigen Berges klebt. Blick aufs Meer, unten die Bucht Palatia. Der Pfarrer hat schon mit der Segnung der Kapelle begonnen. Er singt, der Gastgeber hilft kräftig mit. Manchmal murmelt die Menge ein Gebet dazwischen, manchmal zeichnen sie das Kreuz auf ihre Brust.

Endlich werden auch noch die auf Eseln mitgebrachten Brotlaibe gesegnet, dann auf einem Tischchen des Vorplatzes in Stücke geschnitten. Alle Anwesenden erhalten ein Stück davon und machen sich damit wieder auf den Weg zum Festplatz.

Es ist dunkel, als wir zum Festgelände zurückkehren. Auf den drei Tischen ist für etwa 35 Leute getischt. Servietten, Gabeln, Salate, alle setzen sich. Wir begeben uns zu den „Auswärtigen“, Studenten aus Athen welche, wie wir, sich für den exotischen Brauch der Kirchenfeste hier im Norden der Insel interessieren. Sie verbringen ihre Ferien auf Karpathos und schlafen jede Nacht an einem andern Strand. Ein Mietauto, dazu ein Schlafsack, mehr brauchen sie nicht. Neben uns der Tisch der Frauen und am Haupttisch die Männer. Doch bevor das Essen serviert wird, gibt der Pfarrer nochmals den Segen. Dann wird jedem Gast ein Teller mit Frittes und Ziegenfleisch vorgesetzt und für kurze Zeit wird es ruhig in der Runde.

Sind die Bäuche voll, greifen die Musiker wieder zu den Instrumenten, die Männer am Tisch singen dazu. Die Stimmung wird ausgelassener, es wird Unmengen von gebranntem Schnaps getrunken. Ein Mundschenk geht abwechslungsweise mit einer Flasche Ouzo oder Whisky von Gast zu Gast und reicht ihm ein Gläschen. Dieses wird von allen anstandshalber getrunken. So wächst der Stand des Alkoholpegels von Mal zu Mal bei der ganzen Gesellschaft etwa gleich. Nur der Pfarrer trinkt nicht. Er legt sich bald mal zur Ruhe.

Einerseits fasziniert von der ausgelassen Stimmung, stösst mir doch etwas auf: Kein Mann räumt das Durcheinander auf den Tischen nach dem Essen weg. Nein, es sind die Frauen, die sich der Sache annehmen. Im schwachen Licht einer vom Generator betriebenen Glühbirne waschen sie alles völlig selbstverständlich ab, während die Männer zusammensitzen und sich in Szene setzen. Aber das gehört anscheinend auch zum Brauch....

Das Publikum hört gespannt zu, wenn Texte aus dem Stegreif gesungen werden. Einer singt vor, die andern nach. Es gibt aber auch allen bekannte Lieder, dann singen auch die Frauen mit. Singen scheint ein starkes Bedürfnis zu sein. Das läuft so, bis der Gastgeber einigen Gästen Traubenbeeren zuwirft als Zeichen, dass sie den Tanz eröffnen sollen.

Und dann wird getanzt in einer Reihe, Arme links und rechts auf der Schulter des Nächsten. Bis morgens um vier Uhr. Dann versiegt die Musik und man legt sich schlafen. Die 98jährige Frau hat bis zuletzt auf einem Stein sitzend über das Fest gewacht. Wir erfahren, dass sie zur Gastgeberfamilie gehört.

Doch schon um 7:00 Uhr steht der Pope auf und macht sich erneut auf den Weg zur Kapelle. Die Festgesellschaft folgt ihm, auf zum Abendmahl. Nebst dem geweihten Brot werden nach der Predigt auch ein Gläschen Ouzo und süsse Lukomades serviert. Unglaublich, dieser Aufwand!

Es wird drückend heiss und wir sehnen uns nach einem Bad im Meer. Doch das geht jetzt nicht, erst wird das Mittagessen serviert. Inzwischen haben es alle gemerkt, wir sind Vegetarier. Deshalb erhalten wir einen Teller mit Spaghetti, Reibkäse und Salat. Und das mitten im Niemandsland!

Möglichst unbemerkt verziehen wir uns zum Strand hinunter und tauchen sehnsüchtig ins kühle Nass. Nikos wartet bereits im Boot auf die Gäste. Bis die letzten den steinigen Abstieg geschafft haben, ist es 16:00 Uhr. Die alte Frau wird kurzerhand auf den Rücken genommen, ein Fliegengewicht. Dazu Dudelsack, Laute und Lyra, Gesang. Auch im Boot auf der Rückreise; Dudelsack, Laute, Lyra und Gesang.... Man ist in einem tranceähnlichen Zustand.