10. Mai - Chios: Ostern in Pyrgi

21.05.2016

Ostern ist das wichtigste Fest für die orthodoxen Griechen. Schon Wochen vor dem Fest wird gefastet, darunter versteht man fleischlose Kost. Aus den Kirchen hört man über Lautsprecher gesunge Psalmen und zu Hause brennt mancherorts ein Öllämpchen.

Das Heilige Licht trifft am griechischen Ostersamstag gegen Abend von Jerusalem her auf dem Athener Flughafen in einer Maschine der griechischen Regierung ein. Von dort aus wird es mit 17 Flugzeugen der Olympic und Aegean Airlines in verschiedene Landesteile transportiert. Es handelt sich dabei um eine Flamme, die in der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag in die Kirchen gebracht wird.

Die orthodoxen Christen entzünden an dieser Flamme ihre Lambades; besonders geschmückte Kerzen, die eigens für die Osternacht bestimmt sind. Dieses Licht wird anschliessend von den Gläubigen nach Hause getragen. Häufig wird mit dem Rauch dieser Flamme ein Kreuz auf den oberen Teil des Türbalkens markiert. Zu Hause essen die Griechen in der Osternacht traditionell die Ostersuppe. Eine Suppe mit den Innereien des Schafes, das für den Sonntag geschlachtet wurde, die „Magiritza“. Sie ist das erste Fleischgericht nach der Fastenzeit. Am kommenden Tag, dem Ostersonntag, wird dann das traditionelle Lamm am Spiess gebraten.

Wir freuen uns mit allen andern auf die Feier. Marina und Wolfagng, die wir auf der Schiffsreise hierher kennengelernt haben schlagen vor, gemeinsam zu feiern. Sie, Kulturanthropologin und griechischstämmige Deutsche. Er, Architekt in Heidelberg, Deutscher. Die Beiden besitzen seit 20 Jahren ein traditionelles Haus in Pirgi und sind mit allen Sitten und Bräuchen der Insel bestens vertraut.

Nach einer Hausführung durch ihr schönes, archaisches Haus und einem kleinen Aperitiv machen wir uns gegen 23:00 Uhr auf den Weg zur Kirche. Sie ist schon voller Menschen, alle haben ihre Lambada mit dabei. Zwei Popen singen ohne Unterbruch die Liturgie, ab und zu bekreuzigen sich die Gläubigen.

Draussen kracht es ohrenbetäubend, die Jungen vom Dorf zünden ihre selbstgebastelten Feuerwerke. Je lauter, desto besser. Doch das scheint die Popen nicht zu stören, der Lärm gehört zum Fest.

Dann, um Mitternacht ist die Messe fertig. Jetzt holen sich die Einwohner das Licht mit ihrer Kerze und verlassen die Kirche. Doch das ist keine einfache Sache, denn vor dem Haupteingang brennt ein Riesenfeuer, sicher um die 12m hoch. Es strahlt heiss ab, sodass man daran vorbei rennen muss, um nicht selbst Feuer zu fangen.

Während Marina und Wolfgang mit Koni die entfachte Kerze sachte nach Hause bringen, schaue ich dem Treiben rund ums Feuer zu. Es prasselt wie wild, mitten im Dorf! Die nahen Häuser sind an Türen und Fenstern mit Wellblech geschützt. Bei jedem Kracher zucke ich zusammen, so laute bin ich nicht gewohnt. Dabei könnte man sich leicht einen Gehörsschaden holen, verrückte Griechen!

Etwa um 00:30 Uhr gibt's dann, wie es sich gehört, die Magiritza. Ganz stolz serviert Marina sie ihrem Mann, und sie schmeckt ihm! Für uns gibt's Linsensalat, das passt uns sehr. Es ist spannend, Marina über all die Chioten erzählen zu hören. Vor zwanzig Jahren hat sie auf der Insel über Bräuche und Sitten geforscht und darüber ihre Doktorarbeit geschrieben.

Inzwischen ist es zwei Uhr morgens. Wir streifen durch das Dorf, in dem es immer noch kracht, als wäre Krieg. Müde verabschieden wir uns voneinander mit der Absicht, uns ein weiteres Mal zu treffen.

Wildes Osterfest in Pyrgi

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10. Mai - Chios: Eine unerwartete Entdeckung

20.05.2016

Unsere Zeit in Athen geht zu Ende. Mit einem weinenden, aber auch mit einem lachenden Auge packen wir unseren Haushalt zusammen und verstauen alles im Auto. Es waren vier intensive, interessante und bereichernde Monate. Doch eines ist klar: In dieser Zeit lernt nur ein Sprachgenie Griechisch! Wir werden weiterstudieren müssen, besser früher als später.

Eigentlich wollten wir mit einer griechischen Freundin nach Chios, da sie von der Insel schwärmt und dort ein kleines Haus besitzt. Sie fand aber, dass man dorthin erst im Sommer geht, erst dann soll es genügend warm sein. So steigen wir zu Zweit in Piräus auf die Fähre.

Es ist Mittwoch, der 27. April, 05:30 Uhr. Unser Schiff läuft in den Hafen von Chios ein. Los geht's, in unserem Auto Richtung Süden, zu den Mastichochoria (Mastix-Dörfern). Wir folgen dem Rat unserer Freundin aus Athen und fahren direkt nach Emporios, einem kleinen Fischerdorf an der Ostküste. Dort, im einzigen Hotel, das unserem Geschmack entspricht und auch ins Budget passt, nisten wir uns für zwei Wochen ein. Kein einfaches Unternehmen, in den vergangenen zehn Monaten hat sich einiges an Hausrat angesammelt...

Chios, fünftgrösste Insel Griechenlands, liegt in der Ostägäis und ist etwa 5km von der Türkei entfernt. Im kargen, wilden Inselnorden erheben sich Berge bis zu 1297m, die nach Süden hin in sanfte Hügel auslaufen. Der südliche Teil ist auch unter dem Namen „Mastichochoria“ bekannt. Hier wird neben Olivenöl und Wein auch Mastix produziert. Der immergrüne Mastixbaum sondert ein wertvolles Harz ab, das von Juli bis Mitte Oktober geerntet wird. Nachdem die Bäume geschnitten und der Boden gründlich gereinigt wurde, wird die Rinde zwei mal pro Woche an mehreren Stellen eingeritzt. Die dort austretenden Harztropfen werden mit viel Mühe gesammelt und gereinigt.

Mastixharz wird für alle möglichen Produkte gebraucht: Kaugummi, Backwaren, Schnaps, Kosmetikprodukte, Klebstoff für Maskenbildner, Schlussfirnis bei Ölgemälden, Bestandteil im Geigenlack, Klebstoff für Glas, Zusatzstoff für Flugzeugreifen. Er soll sogar bei Zahnschmerzen, Entzündungen und Magengeschwüren helfen...

Der Mastixbaum gehört zu den Pistaziengewächsen und wächst rund ums Mittelmeer. Das Harz aber liefert der Baum nur gerade hier im Inselsüden. Man hat verschiedentlich versucht, den Baum samt Muttererde in andere Regionen und Länder zu verpflanzen, doch die Bäume stellten in der neuen Umgebung die Produktion des Harzes ein. Auf Chios stehen dafür etwa zwei Millionen von ihnen, mit einem jährlichen Ertrag von 120 Tonnen. Das erklärt auch den offensichtlichen Reichtum der Insel.

Südlich der Hauptstadt auf der Inselmitte, an der Ostküste, liegt der Kambos. Hier werden auf einer Fläche von etwa 14 Quadratkilometern Zitrusfrüchte angepflanzt. Der Kampos ist wegen seiner Landsitze aus früheren Jahrhunderten bekannt. Sie wurden aus rotem Sandstein von Steinbrüchen der nahen Umgebung errichtet. Die angebauten Zitrusfrüchte werden hauptsächlich zu Likören, Fruchtsäften oder Marmeladen verarbeitet.

In den ersten drei Tagen durchstreifen wir die Dörfer in unserer Region und sind überwältigt von deren Schönheit. Pirgi, wo die Fassaden der Häuser mit einer Kratzputz-Technik (Sgrafito) komplett von schwarz-weissen, geometrischen Formen überzogen sind. Jedes Haus ein einzigartiges Kunstwerk. Ein Dorf wie ein Museum. Doch es lebt, es wohnen 1200 Leute darin!

Olimpi, ein kleineres Dorf innerhalb einer festen Stadtmauer. Verwinkelt, mit unzähligen engen Gassen, sodass gerade noch ein beladendes Maultier hindurch passt. Auch hier trifft man kaum auf Touristen. Ein lebhaftes Dorf mit 300 Einwohnern und einer eigenständigen Ausstrahlung.

Mesta, ein gut erhaltenes Dorf aus dem 14. Jh. Kaum ein Haus ist zerfallen. Geht man durch die engen Gassen könnte man meinen, man sei ins Mittelalter zurückversetzt. An vielen Stellen sind sie von kunstvollen Rundbögen überspannt. Die Häuserfassaden der zweistöckigen Häuser sind aus Stein, dazwischen Bougainvillea, Blumentöpfe, Reben, Geranien so gross wie Bäume, eine Augenweide. Auch der Boden ist mit Steinen gepflastert, alles mit viel Liebe restauriert. Obwohl auch hier 300 Menschen wohnen, sieht man da ab und zu Touristen, verständlicherweise!

Speziell an diesen Dörfern sind die zentral gelegenen, stimmungsvollen Dorfplätze. Meist ein quadratischer Platz, von Platanen überdacht, voll von Tischen und Stühlen verschiedener Restaurants. Hier treffen sich abends und an Wochenenden die Einheimischen und überdecken den Platz mit einem zweiten Dach, das von den sich unterhaltenden Menschen herrührt.

Chios ist für uns eine wahre Überraschung. Eine Insel, die nicht in erster Linie vom Tourismus abhängig ist und trotzdem touristisch mehr zu bieten hat als manch eine andere Insel. Unter anderem schöne Badestrände, viele Wanderungen, schöne Klöster und einen hübschen Hauptort. Eine selbständige, selbstbewusste Insel mit auffallend fleissigen, gebildeten und zuvorkommenden Einwohnern. Wie ganz Griechenland haben auch sie viele Turbulenzen durchgemacht, doch im Süden wächst zu ihrem Glück ein kostbarer Baum, Masticha. Sein Harz ist wertvoll und wird in alle Welt exportiert... Das sieht man den Dörfern in der “Mastixgegend“ an - sie sind in gutem Zustand und voller Leben.