Abschied von Diafani und Karpathos

27.09.2015

Die letzte Woche hier in Diafani verbringen wir mit Raphael. Er ist bei uns zu Besuch und soll so viel als möglich vom Norden der Insel zu sehen bekommen. So ist die letzte Woche geprägt von Ausflügen an all die schönen Strände wie Achnotia, Ajas Minas, Achata, Opsi, Papa Minas und einigen andern schönen Buchten. Wir wandern über die Insel Saria und baden am Strand von Palatia. Pilgern zu den dorischen Gräbern und zum Fischbecken in Wurgunda... All die Orte, die uns am meisten ans Herz gewachsen sind, können wir so vor dem Verlassen der Insel nochmals besuchen.

Eine neue Erfahrung mit unserem älteren Sohn Ferien zu machen. Ein natürlicher Abstand voneinander hat sich in den letzten Jahren gebildet welcher interessante Diskussionen ermöglicht. Wir haben es lustig aber auch spannend zusammen.

Für die griechischen Kinder sollte jetzt eigentlich die Schule begonnen haben. Doch überall spielen sie noch auf der Strasse. Dionyssía, die Mutter der zehn jährigen Fula erklärt: das ist jedes Jahr so. Für abgelegene Inseln gibt es jedes Jahr neue Lehrer. Hierher werden nur frisch ausgebildete Lehrer geschickt. Und das dauert jeweils seine Zeit, bis alle verteilt sind. Natürlich hat niemand Lust, an einem so abgelegenen Ort zu unterrichten. Hat dann die Verteilung erst mal stattgefunden, müssen die Lehrer noch nach Diafani reisen, was auch nochmals Zeit braucht. Alles in allem verspätet sich der Schulanfang so um bis zu zwei Wochen... Gleich ist es mit den Ärzten, nur hat keiner mehr Lust, weder in Diafani noch in Olympos zu praktizieren. So muss man halt in die 1 ¼ Stunden entfernte Hauptstadt zum Arzt.

Es ist nicht einfach von hier zu gehen, vieles hält uns zurück. All die lieben Leute vom Dorf die uns das Gefühl gaben, willkommen zu sein, die uns Einblick in ihre Freuden und Schwierigkeiten gewährten, die uns aus ihren Gärten beschenkt haben... Es sind unbezahlbare Schätze, die wir da erhalten haben!

Über die Menschen in Karpathos

21.09.2015

Die Menschen hier sind grosszügig und schenken sehr gerne.

Wie wir letzten Montag müde von einer Wanderung auf einer staubigen Strasse landen, bieten uns ein Mann und seine Schwester eine Mitfahrgelegenheit an. Gerne steigen wir ein! Sie sehen einfach aus, auch ihr Geländewagen ist bescheiden. Glücklich sitzen wir auf den Hintersitz und unterhalten uns mit den Beiden. Die Frau heisst Kalliopi. Sie hat seinerzeit in New York gewohnt und dort ihre Kinder gross gezogen. Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie wieder in Diafani. Ihr Bruder Mike betreibt zusammen mit seiner Frau ein Restaurant in Olympos.

Die Beiden waren eben in ihrem Rebgarten. Kalliopi schaut in ihre Tasche und zieht für uns zwei riesige Büschel frischer Trauben heraus. Nicht genug, sie will uns auch noch Brotringe geben. Wir sollen sie in Diafani doch mal besuchen... Am Ende der Fahrt winken wir beladen mit Geschenken zum Abschied.

Einen Tag später fahren wir von Diafani los, um Raphael auf dem Flughafen abzuholen. Da stellt sich eine resolute Frau in traditioneller Kleidung mit Sack und Pack in die Strasse: Sie muss nach Avlona in ihren Garten. Klar, gerne nehmen wir sie mit. Obwohl Avlona ein kleiner Umweg für uns ist, fahren wir sie dorthin. Wartet, sagt sie. Ich möchte euch noch etwas Feigen und Trauben aus meinem Garten schenken. Ich war ja so froh, dass ihr mich hergebracht habt! Und schon stehen wir da mit einer Tasche frischer Feigen und süsser Trauben in der Hand...

Dasselbe passiert uns jedes Mal, wenn wir mit einer Frage zu Anna gehen. Sie ist die Besitzerin unseres Hotels. Nie verlassen wir sie mit leeren Händen. Sie schenkt uns Olivenöl, selbstgebackenes Brot, Früchte und Gemüse, was sie gerade auf Lager hat.

Die Frauen

Nicht nur die Landschaft prägt ein Land. Die Menschen die darin wohnen sind ebenso wichtig. Dazu gehört deren Charakter, deren Sitten, aber auch deren Kleidung. Die Kleidung wiederum trägt zum Landschaftsbild bei. Die Frauen sind hierzulande recht dominant. Das äussert sich in ihrer selbstsicheren, resoluten Art. Ihre Stimme ist laut und bestimmt. Ihr Haarwuchs enorm, manch einer wachsen die schwarzen Haare auch im Gesicht.

Sie sind diejenigen, die herumkommandieren, Lasten tragen, kochen, das Brot backen. Ihr Körperbau ist meist recht stämmig. Auf ihrem Kopf tragen sie Lasten über zehn Kilogramm. Traditionsgemäss wird der ältesten Tochter das gesamte Erbe vermacht. Sie erhält damit auch die Pflicht, für die Eltern im Alter zu sorgen. Uns wurde aber auch schon von Familien erzählt, die ein ausgesprochenes Lieblingskind haben und diesem das Erbe vermachen. Allerdings entstehen dabei begreiflicherweise grosse Spannungen unterhalb den Kindern!

Ein Grossteil der Frauen von Nordkarpathos trägt die traditionelle Kleidung. Diese besteht aus einem schwarzen oder weissen Rock mit einer Schürze und einem mit Stickereien verzierten schwarzen Kopftuch. Für festliche Anlässe trägt sie eine farbige, mit Glitzerfäden durchwobene Schürze und ein schwarz-rot-grün geblumtes Kopftuch. Abends sitzen die Frauen zusammen auf dem Dorfplatz oder bei jemandem zu Hause, tauschen Neuigkeiten, lachen und geniessen die Gesellschaft.

Die Männer

Während die Frauen das Leben arrangieren, sitzen viele ihrer Männer im Kafenion, trinken Kaffee und Gebranntes, schwatzen, schweigen oder spielen Tavli. Nicht alle, versteht sich. Es gibt auch jene, die im Morgengrauen oder Abends ins Meer stechen um zu fischen. Einige tauchen bis zu 30 Meter Tiefe für einen begehrten Fang. Sie versorgen das Dorf mit eigenem Fisch.

Die Männer sind aber auch für die Musik zuständig. Jeder Knabe lernt ein Instrument, entweder Dudelsack, Laute oder Lyra. Ebenso kann jeder als Erster im Reihentanz den Vortänzer bestreiten, was nicht einfach ist. Je ausgefallener ihre Tanzsprünge umso beeindruckender der Mann. Auch die zeremoniellen Handlungen in den Kapellen fallen in den Aufgabebereich der Männer. Sie helfen dem Pfarrer beim Gesang. Schneiden das gesegnete Brot in Stücke, servieren den Schnaps.

Die Männer tragen keine traditionelle Kleidung. Die Älteren haben oft einen Stock mit dabei. Vielen wächst ein Bart oder Schnauz, frisch rasiert ist kaum einer. Ein Dreitagebart gehört zu einem echten Mann aus Nordkarpathos...

Die Touristen

Im Juli sind es mehrheitlich Österreicher und Franzosen. Im August gibt es zahlreiche Italiener. Sie suchen die schönen Strände hier auf Karpathos, lassen sich mit dem Ausflugsboot dahin bringen. Ist feragosto vorbei, hört man im September wieder viel Österreichisch, wenig Deutsch, ab und zu Holländisch oder Schweizerdeutsch. Diese Leute geniessen die vielen Wandermöglichkeiten und kombinieren sie mit schwimmen.

Je später der Sommer, desto älter das Publikum, manchmal könnte man gar meinen, man sei unter das Volk der Pensionierten geraten, uns miteingerechnet! Gottlob ist da noch Raphael, der uns gerade besucht und aus der Reihe der Alten tanzt...

Tags:  Karpathos

Karpathos - Zum Thema Abfall

13.09.2015

Es gibt auch negative Schlagzeilen hier, und das ist der Abfall. Er ist nicht zu übersehen, denn er ist fast überall. Vorgesehen ist, dass all der Unrat aus den Dörfern zum Hauptort transportiert und gepresst wird. Dann nach Rhodos verschifft zur Kehrichtverbrennung gebracht... Wer’s glaubt, ist blind.

An jedem Ortseingang begrüssen uns verrostete PW’s, Lastwagen, Motorräder, Schiffwracks. Daran könnte man sich ja noch gewöhnen. Wandert man nichtsahnend auf einem Strässchen dahin passiert es ab und zu, dass man plötzlich vor einer Müllhalde steht wo Kühlschränke, Bauabfall, Farbkübel etc. entsorgt wurden. Mitten in der allerschönsten Natur, unverständlich...

Auch steile Abhänge verlocken allgemein dazu, seine täglichen Abfälle kurzum loszuwerden. Aus den Augen aus dem Sinn. Nicht wirklich aus den Augen.... An der Strasse zwischen Spoa und Olympos verrotten all die ausgedienten Strassenbaumaschinen: massive Bagger, Traktoren, sie sind und bleiben dort! Und können vielleicht noch Jahrzehnte bestaunt werden.

Am letzten Kirchweihfest brachte ich meinen Plastikbecher zur Köchin mit der Frage, wo ich den entsorgen solle. Voller Unverständnis schaute sie mich an und sagte, über die Mauer! Zuletzt werde alles verbrannt.

Noch schlimmer ist es, wenn man an einen Strand gerät an den, der Meeresströmung wegen, Abfälle aus allen Herrenländern angeschwemmt werden. Da können die Insulaner allerdings wenig dafür. Doch fragt man sich, warum das angeschwemmte Gut nicht ab und zu entsorgt oder wenigstens verbrannt wird. Das ist hier nicht der Fall.

Wir sind an die Evghonymos-Bucht gewandert und freuen uns über ein erfrischendes Bad. Aber oha, ein ganzer Wall von angeschwemmtem Abfall liegt dort. Interessiert an der Ware, woher die wohl stammt, gehen wir auf Erkundungstour: Arabische Beschriftungen, türkische, russische, chinesische - aber auch griechische. Plastikgegenstände aller Art: Stühle, Flaschen, ein Helm, Behälter, Taschen, Zahnbürsten, Rasierschaum. Ein chinesischer Schnaps in einer schönen Keramikflasche. Ein Bäbi, Spielsachen. Viel Schwemmholz.

Und plötzlich liest Koni ein in einem Plastikbeutel geschütztes Portemonnaie auf. Fahrausweis, Bankkarten, Kreditkarten, Geld. Von einem gewissen Alberto C. Wo er das wohl verloren hat? War er in der Türkei in den Ferien, in einem arabischen Land? In Italien? Am unwahrscheinlichsten hat er seine Wertsachen in Griechenland verloren.

Zurück in Diafani versucht Koni den Besitzer des Portemonnaies ausfindig zu machen. Detektivarbeit mit Google, Facebook & Co. Das ist nicht einfach, denn auf keiner Karte steht eine Adresse. Eine Mailadresse entdeckt er im Internet, an die schreibt er die Nachricht von seinem Fund. Doch es gibt viele Alberto’s C. in Italien....

Tags:  Karpathos Abfall

Kirchweihe Agios Zaharias in Saria

09.09.2015

Nicht schon wieder ein Kirchenfest, schon wieder im Freien übernachten und kaum Schlaf! Doch, Koni will unbedingt und ich lasse mich erweichen.

Es ist gut zu wissen, warum es hier so viele Kirchenweihfeste gibt: Jede angesehene Familie in Karpathos besitzt eine Kapelle zu Ehren einer oder eines Heiligen. So heissen sie dann auch Αγία Ιρήνι, heilige Irene oder Άγιος Σαχαρίας, heiliger Zacharias. Am Namenstag dieses Heiligen, dem die Kapelle gewidmet ist, ist es üblich, dass die Besitzer ein Fest in der Kapelle organisieren. Dieses folgt überall etwa denselben Ritualen. Alle die wollen, dürfen daran teilnehmen.

Am Freitagabend um 16:00 Uhr steigen wir dann ins Boot mit allen andern. Die Reise geht nach Saria, einer verlassenen Insel im Norden von Karpathos. Viel Gepäck ist dabei, Schlafsäcke, Matten, Esswaren. Wir merken schnell, dass das kein Fest für Touristen ist, wir sind die einzigen Nichtgriechen. Es ist nicht nur eine Reise zu einer entlegenen Insel, nein, es ist eine Reise in ein anderes Zeitalter.

Die letzten steigen ein, eine 98 jährige dürre Frau, traditionell schwarz gekleidet. Dann der Pope in Sonnenbrille. Und los geht die Fahrt. Es dauert nicht lange, da holt ein Junge mit Punkhaarschnitt einen Dudelsack hervor, sein Freund die Laute, ein älterer Mann seine Lyra. Weitere Männer kommen herbei und stimmen mit Gesang in die Musik ein. Es spritzt und schwankt auf dem Boot, Hochstimmung. Auch ein griechischer Fotograf ist mit von der Partie, er möchte diese Tradition der Kirchenweihfeste im Norden von Karpathos dokumentieren. Alle kennen die Lieder, wer Lust hat singt mit. Mit dieser Musik im Ohr schaukeln wir entlang der Ostküste Richtung Norden. Dann erreichen wir Steno, die schmale Meeresenge, danach beginnt die Insel Saria. Es dauert eine gute Stunde bis wir Palatia erreichen, Niemandsland. Die Festgesellschaft steigt aus und Nikos fährt mit seinem Boot zurück nach Diafani. Er holt uns morgen gegen 16:00 Uhr hier wieder ab.

Mit Sack und Pack laufen wir los, die Schlucht hinauf nach Argos, einem Ruinendorf. Dort sind die Vorbereitungen im vollen Gange. Die Frauen der Gastgeber sind am kochen. Und all die Männer? Sie setzen sich auf die bereitgestellten Bänke, ziehen ihre Instrumente hervor, singen und musizieren.

Wie die 98 jährige Frau hierher gekommen ist, bleibt uns verborgen. Doch hier sitzt sie, mit wachendem Blick und ihrem Holzstock, unterhält sich mit den Leuten, ist äusserst vergnügt. Auch andere ältere Leute die schlecht zu Fuss sind, zählen zur Festgesellschaft. Ihre Ware tragen sie selber hinauf, mucksen nicht wegen der Hitze, klagen nicht über ihre schlechten Schuhe. Auch sie kommen irgendwann an, egal wann.

Für unser Nachtlager suchen wir ein flaches Stück Boden. Im Vergleich zu den Andern sind wir super ausgestattet. Wir blasen die Matten auf und legen sie auf die Bivakdecke. Gut, haben wir auch Decken mit dabei! Sie schützen vor Wind und Feuchtigkeit.

Noch vor Sonnenuntergang pilgert die Gesellschaft zur Kapelle, die am äussersten Zipfel des steilen, felsigen Berges klebt. Blick aufs Meer, unten die Bucht Palatia. Der Pfarrer hat schon mit der Segnung der Kapelle begonnen. Er singt, der Gastgeber hilft kräftig mit. Manchmal murmelt die Menge ein Gebet dazwischen, manchmal zeichnen sie das Kreuz auf ihre Brust.

Endlich werden auch noch die auf Eseln mitgebrachten Brotlaibe gesegnet, dann auf einem Tischchen des Vorplatzes in Stücke geschnitten. Alle Anwesenden erhalten ein Stück davon und machen sich damit wieder auf den Weg zum Festplatz.

Es ist dunkel, als wir zum Festgelände zurückkehren. Auf den drei Tischen ist für etwa 35 Leute getischt. Servietten, Gabeln, Salate, alle setzen sich. Wir begeben uns zu den „Auswärtigen“, Studenten aus Athen welche, wie wir, sich für den exotischen Brauch der Kirchenfeste hier im Norden der Insel interessieren. Sie verbringen ihre Ferien auf Karpathos und schlafen jede Nacht an einem andern Strand. Ein Mietauto, dazu ein Schlafsack, mehr brauchen sie nicht. Neben uns der Tisch der Frauen und am Haupttisch die Männer. Doch bevor das Essen serviert wird, gibt der Pfarrer nochmals den Segen. Dann wird jedem Gast ein Teller mit Frittes und Ziegenfleisch vorgesetzt und für kurze Zeit wird es ruhig in der Runde.

Sind die Bäuche voll, greifen die Musiker wieder zu den Instrumenten, die Männer am Tisch singen dazu. Die Stimmung wird ausgelassener, es wird Unmengen von gebranntem Schnaps getrunken. Ein Mundschenk geht abwechslungsweise mit einer Flasche Ouzo oder Whisky von Gast zu Gast und reicht ihm ein Gläschen. Dieses wird von allen anstandshalber getrunken. So wächst der Stand des Alkoholpegels von Mal zu Mal bei der ganzen Gesellschaft etwa gleich. Nur der Pfarrer trinkt nicht. Er legt sich bald mal zur Ruhe.

Einerseits fasziniert von der ausgelassen Stimmung, stösst mir doch etwas auf: Kein Mann räumt das Durcheinander auf den Tischen nach dem Essen weg. Nein, es sind die Frauen, die sich der Sache annehmen. Im schwachen Licht einer vom Generator betriebenen Glühbirne waschen sie alles völlig selbstverständlich ab, während die Männer zusammensitzen und sich in Szene setzen. Aber das gehört anscheinend auch zum Brauch....

Das Publikum hört gespannt zu, wenn Texte aus dem Stegreif gesungen werden. Einer singt vor, die andern nach. Es gibt aber auch allen bekannte Lieder, dann singen auch die Frauen mit. Singen scheint ein starkes Bedürfnis zu sein. Das läuft so, bis der Gastgeber einigen Gästen Traubenbeeren zuwirft als Zeichen, dass sie den Tanz eröffnen sollen.

Und dann wird getanzt in einer Reihe, Arme links und rechts auf der Schulter des Nächsten. Bis morgens um vier Uhr. Dann versiegt die Musik und man legt sich schlafen. Die 98jährige Frau hat bis zuletzt auf einem Stein sitzend über das Fest gewacht. Wir erfahren, dass sie zur Gastgeberfamilie gehört.

Doch schon um 7:00 Uhr steht der Pope auf und macht sich erneut auf den Weg zur Kapelle. Die Festgesellschaft folgt ihm, auf zum Abendmahl. Nebst dem geweihten Brot werden nach der Predigt auch ein Gläschen Ouzo und süsse Lukomades serviert. Unglaublich, dieser Aufwand!

Es wird drückend heiss und wir sehnen uns nach einem Bad im Meer. Doch das geht jetzt nicht, erst wird das Mittagessen serviert. Inzwischen haben es alle gemerkt, wir sind Vegetarier. Deshalb erhalten wir einen Teller mit Spaghetti, Reibkäse und Salat. Und das mitten im Niemandsland!

Möglichst unbemerkt verziehen wir uns zum Strand hinunter und tauchen sehnsüchtig ins kühle Nass. Nikos wartet bereits im Boot auf die Gäste. Bis die letzten den steinigen Abstieg geschafft haben, ist es 16:00 Uhr. Die alte Frau wird kurzerhand auf den Rücken genommen, ein Fliegengewicht. Dazu Dudelsack, Laute und Lyra, Gesang. Auch im Boot auf der Rückreise; Dudelsack, Laute, Lyra und Gesang.... Man ist in einem tranceähnlichen Zustand.

Zu Fuss von Tristomo nach Diafani

05.09.2015

Mein Hexenschuss ist wieder vorbei, jetzt hat dafür Koni einen zünftigen Schnupfen eingefangen.

Dennoch buchen wir auf Mittwoch eine Bootsfahrt nach Tristomo. Tristomo, was so gut heisst wie drei Münder. Sie stehen für die drei Öffnungen der natürlichen Bucht, die ins offene Meer führen. In dieser Bucht, die einst als wichtiger Hafen diente liegt das Dörfchen Tristomo. An der Westseite, fast im Norden der Insel. Weder Strassen gibt es hier, noch wird das Dorf mit Elektrizität versorgt. Der Ort hat eine völlig ruhige, friedliche Ausstrahlung; man lebt da in und mit der Natur.

Nein, ganz verlassen ist Tristomo nicht. Da ist Jannis, der 78 jährige Mann, den wir besuchen. Er hat uns letztes Jahr eine Portion gelbe Erbsen aus seinem Garten geschenkt , obwohl er so gut wie nichts besitzt: Ein Zimmer mit einer einfachen Bettstatt, eine dunkle Küche, eine Zisterne und eventuell ein Plumpsklo.

Jannis ist seit Anfang Juli nicht mehr hier gewesen. Weil seine Frau starb, sagt er und schluchzt los. Was soll ich jetzt noch hier? Alles trostlos, niemand macht Kaffee, niemand kocht.. Seine Frau hatte eine Lungenentzündung. Er fuhr sie in seiner Nussschale nach Diafani. Dort mit dem Auto zum Hauptort der Insel, dann mit dem Helikopter nach Kreta. Für kurze Zeit war sie wieder auf den Beinen, doch dann schlug das Schicksal erneut zu. Das Herz wollte nicht mehr. Sie musste nach Rhodos in den Spital gebracht werden, wo sie verstarb. Nicht einmal hier sterben konnte sie. Erneut bricht der alte Mann in Tränen aus. Er wolle drei Tage hier in Tristomo bleiben, habe Essen für drei Tage dabei, kochen werde er nicht.

Bevor wir weiter gehen fordert er uns auf, unsere Taschen mit frischen Feigen aus seinem Garten zu füllen. Das tun wir gerne. Am Abend werden wir Spaghetti mit Feigensauce kochen und an ihn denken.

Möchte jemand Ferien in Tristomo machen, oder dort gar für längere Zeit wohnen? Mit Solarstrom, Telefonanschluss, Bad und Küche wie in einem rechten Hotel? Einem Teich mit Fischen im Garten, einer Sickergrube für die Toilette, den Abfall in getrennten Behältern? Einem Garten für die Selbstversorgung?

Kein Problem, Manoli von der Iliahtida Villa macht's möglich! Seit zwei Jahren baut er daran, an seiner Vision. Dieser verlassene Fleck der Erde soll wieder bevölkert werden. Ihm schwebt eine Art Lebensgemeinschaft vor, die möglichst autark lebt. All dem angeschwemmten Abfall die Stirne bietet. Er will dem Dorf die Seele wieder geben; kommt ins Philosophieren, seine Augen leuchten. Wir tauschen unsere Emailadressen und versichern ihm, ihn wieder zu besuchen.

Doch wir wollen weiter. Es wartet eine fünf stündige Bergtour zurück nach Diafani auf uns. Eine Wanderung, die wir jedes Jahr machen, mit atemberaubenden Aussichten von den Bergen aus ins Meer hinunter. Von der Anstrengung erhitzt, ein erfrischendes Bad am Strand von Vananda. Dann noch eine halbe Stunde bis Diafani.

Karpathos - Agios Ioannis Fest in Wurgunda

31.08.2015

Glücklich darüber, dass ich wieder gehen kann, machen wir uns am Freitagabend auf zum Fest anlässlich dem Namenstag des Heiligen Johannes. Das wird in Wurgunda, einem abgelegenen Ort am Meer gefeiert. Menschenleer, karg und wüstenartig erstrecken sich die Ausläufer zum Meer hin. Entweder man lässt sich per Schiff durch das wilde Meer bringen, was eine knappe Stunde dauert. Oder man parkiert sein Auto in Avlona und geht 1 ½ Stunden zu Fuss den steinigen Weg runter zum Festplatz.

Wir kommen zu Fuss, bepackt mit Schlafmatten und Decken, Trinkwasser und etwas Essen. Denn das Fest dauert nonstop bis zum Sonntagmittag. Wir werden nur eine Nacht mit dabei sein. Doch diese Nacht gibt uns schon einigen Einblick in die hiesigen Bräuche.

Bis 20:00 Uhr trudeln immer mehr Menschen ein. Kinder, Jugendliche wie Alte, an die 500. Verstreut über das ganze Gelände suchen sie nach einem flachen Schlafplatz. Manche bringen nur ihren Schlafsack, manche eine dünne Matte. Doch es gibt auch hier die Reichen: Sie lassen sich per Esel aufblasbare dicke Matratzen, Leintücher, Kissen und Decken bringen, es fehlt an nichts.

Das Spezielle an diesem Ort ist, dass er direkt am Meer, inmitten einer dorischen Ruinenstadt liegt. Ganz am Zipfel der Landzunge steigt man runter in die Kapelle, die sich in einer natürlichen Höhle befindet. Mystisch ist es dort. Die Luft voller Weihrauch. Kerzen brennen. Mitbringsel der Gläubigen verzieren die Heiligenbilder. Darunter sind viele Büschel Basilikum. Denn diese Pflanze ist hierzuland heilig, hält die bösen Geister fern, bringt Glück.... Das Becken mit Weihwasser wird vom heruntertropfenden Wasser gespeist. Der Pope im schwarzen Zylinder singt vor, die Männer nach. Monotone Gesänge. Hier holen sich die Menschen Kraft, indem sie die Heiligenbilder mit ihrer Stirne berühren, das Kreuz auf die Brust zeichnen, Basilikum zwischen den Fingern zerreiben, Gebete murmeln. Kerzen entzünden, die sie in eine Schale mit Sand stecken. Ein Mann steckt sich einen Basilikumzweig unter sein Hemd. Bringt ihm das wohl Glück heute Nacht?

Gegen 21:00 Uhr werden die Mädchen, dann die Frauen eingekleidet. In wunderschöne Trachten werden sie gesteckt, voll prächtiger Stickereien. Die Kopftücher mit farbigen Blumenmustern bedruckt, die Schürzen voller glitzernen Pailletten. Die Unterröcke schwarz, manche weiss. Je reicher die Familie, desto mehr sind die heiratsfähigen Mädchen mit Ketten aus Goldmünzen geschmückt. Mit ihren Eltern pilgern sie dann in die Kapelle, wo sie den Segen des Popen erhalten. Das geht etwa zwei Stunden.

Nach der Segnung des Brotes wird das Essen serviert. Für so viele Leute keine einfache Sache. Doch die Verantwortlichen stürzen sich voll in die Arbeit und geben alles, dass es Niemandem an etwas fehlt. Brot, Tzatziki, Wassermelone, gemischter Salat, Fleisch, Reis und Pommes werden serviert. Gekühlter Retsina in Flaschen, alles soviel man mag. Gekocht wird auf Gasherden in riesigen Pfannen, Licht liefert ein uralter Generator. Kein Wort über den Preis des Essens. Der einzige Ort, wo wir etwas spenden können, ist die Kapelle.

Dann wird inmitten der Esstische die Bühne für die Musikanten eingerichtet. Zwei Tische werden zusammengeschoben und zwei wacklige Bänke darauf gestellt. Auf diese Bänke setzen sich vier Männer, einer mit Dudelsack, zwei Butoukis und einer mit einer Lyra. Eine sehr einfache Musik, fast tranceähnlich, monoton. Ebenso ihr Gesang. Die Töne vermischen sich mit dem Meeresrauschen, dem Wind. Eine unsagbare Stimmung, sie wird verstärkt durch den heutigen Vollmond...

Dann um etwa 01:00 Uhr nach Mitternacht eröffnen drei Männer den Tanz. In kleinsten Schritten tanzen sie ganz ruhig und fast unbemerkt drei Mal um die grosse, sitzende, schwatzende Menschenmenge. Ihre Arme um die Schulter des Nächsten. Das dauert um eine Stunde.

 

 

Nach und nach gesellen sich die Trachtenfrauen zu den Tanzenden. Sie alle bilden eine lange Reihe, halten mit gestreckten Armen immer den übernächsten links und rechts Tanzenden. Als Verbindung zwischen den sich Haltenden dient ein hübsches Taschentuch.

Langsam, es ist vielleicht schon drei oder vier Uhr, spielt die Musik bewegter, der Gesang dazu wird lauter. Die Tanzschritte beschleunigen sich. Keine Mine verziehen die Trachtenfrauen, ihr Blick ist stolz, die Haltung stoisch. Bis zum Sonnenaufgang steigert sich die Stimmung, die Musik wird lauter, rhythmischer. Der Takt wird auf die Tische geschlagen, geklatscht, laute Zwischenrufe der Zuschauer. Vorne an der Reihe tanzt immer ein Mann. Mit extravaganten Sprüngen versuchen sie, sich von der elegantesten Seite zu zeigen.

Ist man müde, legt man sich etwas hin und schläft. Bis einen ein Ruf oder die immer wilder werdende Musik wieder weckt. Dann steht man auf und setzt sich an einen Tisch bei den Zuschauern. Diese sind ebenso wichtig wie die Tanzenden, denn diese müssen bewundert, fotografiert, angespornt werden.

Dann beginnt es zu dämmern. Es ist nun 06:00 Uhr. Innerhalb einer halben Stunde klinkt sich eine Trachtenfrau nach der andern aus der Reihe der Tanzenden. Sie sind müde, verständlich! Die ganze Nacht haben sie hindurch getanzt.

Wie viele andere packen auch wir unsere Sachen und benutzen noch die Kühle des frühen Morgens, um den Aufstieg zurück nach Avlona zu machen. Wir gehen wie in Trance, im Ohr immer noch die drei Töne des Dudelsacks, überwältigt von all dem, was wir in dieser Nacht gesehen und gehört haben. Ein traditioneller, authentischer Anlass, ein Open Air der Extraklasse.

In Diafani, dem schönsten Ort auf Karpathos

29.08.2015

Seit einer Woche wohnen wir in einem kleinen Studio am Hang von Diafani. Kochnische mit Tisch und Betten im selben Raum, Badezimmer nebenan. Eine grosse Veranda mit angrenzendem Gärtchen. Da wachsen Oliven und Granatäpfel, Hibiskus blühen und Geranien. Auch eine Wäscheleine ist gespannt. Ein angenehm schattiges Plätzchen mit herrlicher Meersicht, wo wir auch etwas Privatsphäre haben. Pro Nacht bezahlen wir 35€, kein schlechter Preis.

Allerdings gibt es da auch eine Mängelliste: Um der tropfenden Zu-und Ableitung beim Abwaschtrog Herr zu werden, muss ständig ein Becken unter den besagten Stellen liegen und täglich geleert werden. Vergisst man das, breitet sich um die Kochnische eine Wasserlache aus und die Putzerei beginnt. Auch die Toilettenspülung funktioniert nur mit einem nachträglichen Guss aus eigener Hand. Gottlob haben wir Jorgos, den Hotelbesitzer, er wird sich der Sache sofort annehmen, sagte er vor zwei Tagen. Das wird schon werden....

Schon über einem Monat sind wir nun auf Reisen. Letzten Sonntagabend, als wir gemütlich auf der Veranda assen, hat Koni noch Witze gemacht: Ich könne meinem Arzt einen Brief schreiben und ihm sagen, dass er überflüssig geworden sei. Das Meer und dessen Klima seien das beste Rezept. Tatsächlich hatte ich bis anhin weder Bauch- noch Hüftschmerzen, wie weggezaubert. Doch am nächsten Morgen schoss mir die Hexe um so mehr in den Rücken, ich konnte kaum noch gehen. Vornübergebeugt, langsam, am liebsten im Bett. Keine Medikamente, alles zu Hause vergessen, ausser Schneider’s Wunderpulver und Flector – Pflaster.

Schlagartig hat sich meine Unternehmungslust gelegt, mein Bewegungsdrang reduziert. Wie eine alte Frau fühle ich mich und mit Mühe stelle ich fest, dass ich leider nicht mehr 20 bin. Eine Vollbremsung, so kommt es mir vor. Vier Tage brauche ich, bis ich wieder aufrecht gehe. Doch dieses Mal werde ich mir Mühe geben, mich mit nichts zu übernehmen. Was hilft, ist Schwimmen. Mit dem Auto fahren wir das waghalsige Strässchen runter zum Strand „Agias Minas“. Eine zauberhaft schöne Bucht! Überall flache, runde Steine, bequem zum Liegen, glasklares Wasser, kaum Menschen. Eingerahmt von zwei felsigen Hügeln, auf einem steht eine weisse Kapelle mit runder Kuppel. Die kleine Insel Karpathos besitzt über 50 schöne Strände!