15. Mai - Brief an eine Freundin

22.05.2016

Liebe Anna

Deine Gedanken über’s Reisen bewegen mich, und hier in Chios kommen sie mir immer wieder in den Sinn.

Du sagst, dass du nicht in einem Land Ferien machen kannst, wo ein solches Flüchtlingsdrama stattfindet. Dass du tagtäglich von neuen Tragödien hörst. Dass du deine Rolle beim Reisen neu finden musst.

Es ist wichtig und gut, sich darüber im Klaren zu sein.

Reisen war für mich nie einfach abschalten. Es ist seit jeher eine Auseinandersetzung mit dem, was ich sehe. Ein Austausch mit den Leuten in dem Land, das ich besuche. Ein Kennenlernen der Freuden und der Nöte der Bewohner, ein Stück im Leben zusammen gehen. Und ich glaube, dass dieser Austausch für alle Beteiligten sehr wichtig ist.

Das ist für mich Reisen, und das sind für mich zugleich Ferien. Klar ist es ein Unterschied, ob man nur eine oder zwei Wochen vom Arbeitsstress abschalten will, oder ob man ein Jahr dafür Zeit hat. Aber ist es nicht auch der Unterbruch der täglichen Routine, der das sogenannte Feriengefühl ausmacht?

Wenn sich hier auf der Insel oder in Athen eine Gelegenheit bietet, mit einem Flüchtling zu sprechen, nehme ich diese wahr. Ich schaue mir die dicht gedrängten Zeltlager an, betrachte das Elend mit eigenen Augen, höre und rieche es. Räume an den Stränden all die angeschwemmten Schwimmwesten zusammen und mache mir meine Gedanken dazu. Sie sind aus lausigstem, billigstem Material, die Flüchtlinge haben ein halbes Vermögen dafür bezahlt. Und nun??? Trotz der beklemmenden Situation kann ich mir so ein authentisches Bild machen und meine, dass ich so der Realität wirklich begegne. Es ändert nichts, wenn ich zu Hause bleibe und die Not der Menschen im Fernsehen durch die Mattscheibe mitansehe. Das heisst nicht, dass sie mich nicht erschüttert...

Ich beobachte auch, dass es allen Beteiligten ein grosses Bedürfnis ist, von ihren Ängsten und Nöten zu erzählen. Nicht zuletzt auch den Griechen...

In der Hoffnung, dich doch irgendwann hier in Griechenland zu empfangen
Eva

Zu den Bildern

In Athen besuchten wir eine Ausstellung zum Thema - Zeichnungen von verschiedenen griechischen Cartoonisten. Einige sind bitterbös, andere einfühlsam... Seht selbst!

8. April - Die Polyphone Karawane

08.04.2016

Koni schreibt.

Ist es ein Traum, ist es die Wirklichkeit?

Nach dem Konzert träumte ich nachts tatsächlich von dem Konzert, das wir am Vorabend besucht hatten. Die Musik im Traum war wunderschön, wunderschön, ein einmaliges Erlebnis. Sie packte mich im Innersten, war nicht auszuhalten. Ich rannte weinend hinaus, nur weg, weg. Weshalb ich weine, wollte jemand wissen. Vor Freude, vor Schmerz darüber, dass wir (Schweizer, Nordeuropäer, modernen Menschen) diese Art des Singens, des Musizierens, des Zusammenseins verloren haben.

Soweit der Traum. Tatsächlich, in unserer alten Heimat können wir nicht einmal träumen von einem solchen Erlebnis, wie wir es gestern hatten. Aspasia, unsere Freundin aus Amfiklia, hat uns auf das Konzert aufmerksam gemacht: Alexander Lambridis gebe mit seiner Gruppe ein Konzert.

Wir haben den Alexander letzten Sommer in Karpathos kennengelernt, als er, wie Eva und ich, mehrere Kirchenfeste besucht hatte und die Musik, die dort gemacht wurde, auf Video festhielt. In Wahrheit haben wir uns nicht wirklich kennengelernt – er konzentrierte sich stark auf seine selbst gestellte Aufgabe, der er professionell, gut ausgerüstet und ausschliesslich nachging. Er war mir bei fast allen Aufnahmen, die ich machen wollte, irgendwie im Weg, und irgendwann gaben wir es, glaub ich, beide auf, den andern nicht im Bild zu haben. Alexander war der erste Kameramann, den ich singend hinter der Kamera stehen sah. Er schien alle Lieder zu kennen und sang, wie das alle Griechen tun, wenn sie die Lieder kennen, lautstark mit.

In der Zwischenzeit haben wir erfahren, dass Alexander eine Gruppe von Sängern leitet, welche die polyphone Vokalmusik aus Epirus, dem Norden Griechenlands, lebendig hält. Epirus ist die Gegend, wo wir letzten Sommer unsere Reise begonnen haben.

Die bulgarische Variante der polyphonen Vokalmusik kennt alle Welt dank der Aufnahmen von Catherine und Marcel Cellier, zweier Westschweizer, in den Siebziger Jahren. Die Schallplatten der Voix Bulgares waren damals das Beste, was man aus dem Balkan kannte. Tatsächlich ist diese Musik aber weiter verbreitet als nur in Bulgarien. Auch im Norden Griechenlands, in Albanien, in Teilen Süditaliens und Sardiniens bis Korsika lebt diese Musik. (und wohl auch noch anderen Orten, ich bin da kein Fachmann.) Noch lebt sie. Sie hat aber, wie viele andere Traditionen, einen immer schwereren Stand in einer zunehmend technisierten Gesellschaft.

Nun gut, wir freuten uns auf das Konzert, darauf, diese Musik live zu hören. Giota kam mit uns, und auch Aspasia reiste eigens aus Amfiklia an. Der Ort der Veranstaltung: Das „Spirituelle Zentrum von Epirus“, eine kleine Konzerthalle im siebten Stockwerk eines banalen Betongebäudes im Athener Zentrum. Wenn es heisst, das Konzert beginne um sieben Uhr – was ungewöhnlich früh ist – dann sind wir um viertel vor dort, und sind dann jeweils die fast Einzigen. Um gut halb acht war der Saal zu zwei Dritteln gefüllt, es konnte losgehen. Einstimmung mit zwei kurzen Ansprachen, einem Filmausschnitt, und endlich kommen die Sänger.

Ich versuche nicht, diese Musik zu beschreiben. Mein Vokabular reicht dafür nicht. Nur so viel: Es sind kurze Lieder, mehrstimmig, die hellen, kräftigen Frauenstimmen führen die Melodie, die Stimmen der Männer bilden das Fundament dafür. Die Töne reiben sich oft aneinander, und das Ergebnis ist unglaublich stark. Drei, vier Lieder in dieser Art, und schon kommt die erste Überraschung: Alexander – übrigens hier in drei Rollen als Sänger, Präsentator und Kameramann aktiv – kündigt eine albanische Gruppe an, Lot Kourbeti. Einer der Albaner, alle sind sie „Gastarbeiter“ in diesem Land, wendet sich zuerst ans Publikum, betont, dass die Musik die Landesgrenzen überschreitet und alle hier die gleiche Musik, die gleiche Kultur teilen, und wohl auch, dass die Musik sie eint. Acht Männer sind es, einer singt die Melodie und unterstützt mit Gesten, ein zweiter schmückt sie begleitend aus, die anderen sorgen fürs „Gradhebe“, wie die Appenzeller sagen. Sie singen lautstark, mit sichtbarer Freude, gar Begeisterung. Hier beginnt es wirklich interessant zu werden. Die Klänge dieser Musik wirken direkt im ganzen Körper, weichen ihn langsam auf, was am Ende zu dem oben beschriebenen Traum führt. Aber wir sind noch nicht am Ende des Konzerts, noch lange nicht.

Die nächste Überraschung wird angekündigt: Alexander erzählt – alles auf Griechisch übrigens, wir sind ja die beiden einzigen Nicht-Griechen hier, wie fast immer – wie sie einige Dorfbewohner in Epirus in einer Taverne kennengelernt haben. Wie mehrere Gruppen von ihnen über sieben Tische hinweg miteinander singend kommunizierten. Diese gleichen Leute waren nun hier und sangen ihre Lieder: Frauen und Männer gemeinsam. Musik aus einer anderen Zeit klingt an: Dorfleben, Viehzucht, Ackerbau, Leben in Steinhäusern, meterweise Schnee im langen Winter und Abgeschiedenheit, erfüllte – und vor allem unerfüllte – Liebe. Widerstand gegen die Besatzer, die Türken, die Deutschen. Bürgerkrieg. Armut.

Bald trat eine grosse Gruppe von bulgarischen Sängerinnen und Sängern auf, sie hatten gar ein etwa zehn- oder elfjähriges Mädchen dabei, das mitsang und sehr wach wirkte: Ein Lied sang das Mädchen gar solo gegen einen Dudelsack an, kein leichtes Unterfangen, das aber ganz gut gelang.

Weitere Sängerinnen und Sänger traten auf, langsam hatte ich den Überblick verloren, wer woher kam, es ist ja auch, für uns, egal. Nur ans Ende des offiziellen Teils des Konzerts erinnere ich mich gut, und dieses Ende werden Eva und ich nicht so schnell vergessen.

Direkt vor uns, in der ersten Reihe, sass ein älteres Ehepaar, ganz offensichtlich in der Szene bekannte und geachtete Leute. Der Mann wirkte behindert, konnte sich keinen Augenblick still halten, musste sich dauernd stark bewegen, was mich anfangs durchaus auch störte. Es war ihm aber anzumerken, dass er die Musik genoss, er sang immer wieder brummend und etwas falsch mit. Nach all der Musik rief Alexander alle Sänger auf die Bühne, es waren vielleicht dreissig oder vierzig Leute, und er bat auch das Paar vor uns in den Kreis der Sänger. Der Mann ging ungelenk am Stock und konnte auch auf der Bühne nicht ruhig stehen. Alexander erzählte davon, wie der Mann vor zwei Jahren einen Motorradunfall erlitten habe, seither behindert sei. Die Frau bedankte sich bei allen für die Hilfe und Unterstützung, welche sie von überall her täglich erhalten hätten. Schliesslich stimmt der Mann mit seiner zerstörten Stimme als Vorsänger ein Lied an, alle, die mithalten können, fallen mit ein, diese Musik ist stärker als das widrige Schicksal des Einzelnen. Diese Musik ist nicht schön, aber sie ist das Leben. Sie ist reine Energie.

Doch auch das geht zu Ende, alle freuen sich jetzt auf den nächsten Teil des Abends, draussen im Foyer stehen Essen und Trinken bereit – Musik ohne Essen und Trinken, das geht in Griechenland nicht wirklich gut, das gehört einfach zusammen. Alle, Sänger wie Publikum, langen zu, mampfen die angebotenen Snacks, trinken aus Plastikbechern einen einfachen Rotwein, oder auch was anderes.

Alles an diesem Abend ist kostenlos: Die Musik, das Essen, Trinken. Für uns aus dem Norden, wo alles kostet und seinen Preis hat, unvorstellbar. Und doch kennen wir alle diese Weisheit: Die besten Dinge im Leben kosten nichts. Oder sie sind unbezahlbar.

Und schon tönt es wieder aus einer Ecke des Konzertsaals. Die Albaner haben sich mit ihren Stühlen in einem Kreis zusammengesetzt und singen weiter. Einfach so. Aus Freude am Singen. Die Dorfbewohner aus Epirus lassen sich das nicht zweimal sagen! Fünf Meter neben den Albanern singen sie, ebenso laut, ebenso begeistert ihre Lieder. Es ist jetzt einfach zu schön, aufzuhören. Stellt man sich zwischen die beiden Gruppen, ist nicht mehr auszumachen, was woher klingt. Man badet im Klang, der Energie. Es ist unglaublich.

Ja, auch so ist diese Krise hier in Griechenland. Ich ahne langsam, weshalb die Griechen nicht unterzukriegen sind, trotz des wirtschaftlich mühsamen Lebens, das Viele führen müssen.

Je länger ich hier bin, umso öfter denke ich, dass die grosse Krise nicht hier zugeschlagen hat, sondern tausend, oder zweitausend Kilometer weiter im Norden. Oder ich träume nachts so, wie ich es eingangs beschrieben habe. Und ich träume tagsüber davon, dass wir irgendwo in Griechenland auf einem Blätz Land ein paar Dutzend Bäume pflanzen, im Sommer auf die Inseln fahren, noch viel mehr Konzerte besuchen, und vielleicht irgendwann einmal unsere eigenen Orangen, Oliven und Avocados hier ernten… Ganz so, wie es den Musikern schwerfällt, mit Singen aufzuhören, fällt es uns schwer, daran zu denken, dass unser Jahr in Griechenland in absehbarer Zeit vorbeisein soll. Eigentlich ist das ganz und gar unvorstellbar.

Alexandros Lambridis Polyphoniko Karawani

Lot Kourbeti aus Albanien

Sänger aus Epirus

Lot Kourbeti und die Sänger aus Epirus

Tags:  Athen Musik

19. März - Vom Leben in der Krise

19.03.2016

  • Wer leidet unter der Krise? Vom Mittelstand an alle, bis zum einfachsten Bürger.
  • Woher holt der Staat sich das fehlende Geld? Besonders vom Mittelstand und den selbständigen Kleinbetrieben.
  • Sieht man die „Superreichen“ noch? Klar, sie leben wie eh und je in Saus und Braus.
  • Wie lebt „man“ mit der Krise? Wir haben einige Menschen aus dem Mittelstand (oder was davon übrig geblieben ist) kennengelernt.

Unser Nachbar, der Fotograf: Nennen wir ihn Vangelis

Er war selbständiger Fotograf und konnte mit seinem Gehalt und dem seiner Frau als Verkäuferin gut leben. Die beiden haben einen zehnjährigen Sohn und wohnen in einer geräumigen Mietwohnung. Als in den letzten Jahren die Steuern insbesondere für selbständig Erwerbende angehoben wurden, wurde das Geld knapp. 60% des Einkommens müssen heute Selbständige an Steuern bezahlen, dazu kommen weitere 23% Mehrwertsteuern auf den Rest für praktische alle Waren, Lebensmittel und Dienstleistungen. Für einen Kleinunternehmer oder Selbständigen der sichere Tod.

So hat sich Vassili umgeschaut und eine Stelle als Fotojournalist bei einer Athener Zeitung angenommen, hinter der er eigentlich gar nicht stehen kann. Die Zeitung hat Boulevard-Charakter, und das widerstrebt ihm verständlicherweise.

Doch was bleibt ihm anderes übrig? In Zeiten wie diesen gibt es keine Wahl. Wer allzu anspruchsvoll ist, geht unter...

Wollte das Leben noch geniessen: Nennen wir sie Katharina. Wohnhaft in Athen

Sie war ihr Leben lang Gymnasiallehrerin. Hat sich frühzeitig pensionieren lassen. Seit der letzten Rentenkürzung erhält sie monatlich 600€. Das hat sie nicht einberechnet.

Für das Bankdarlehen ihrer Eigentumswohnung bezahlt sie 300 € pro Monat. Bleiben noch 300 € zum Leben. Vorletzte Woche starb jemand aus der Familie und sie musste mit dem Bus ins Heimatdorf reisen. Es liegt vier Fahrstunden nördlich von Athen. Kosten für die gesamte Reise: 160 €. Bleiben noch 140 €. Ein Unglück kommt selten alleine: Als sie einige Tage nach dem Begräbnis heimkommt, geht der Boiler kaputt. Kosten: 300 €. Schulden 160 €. Letzte Woche musste sie auch noch zum Zahnarzt. Kosten: 120 €. Schulden 280 €. Den Zahnarzt und den Boiler kann sie in monatlichen Raten abzahlen. Mit der Bank konnte sie vereinbaren, dass sie für die Wohnung dann wieder einzahlt, wenn sie mehr Geld im Portemonnaie hat. Auch die elektrische Zahnbürste gibt den Geist auf, egal, es geht auch ohne.

Katharina ist eine gebildete Frau in unserem Alter. Sie hat fünf Jahre in Paris studiert, gab dann Französischunterricht und Geschichte in einem Gymnasium in Athen. Noch vor fünf Jahren verbrachte sie ihre Ferien auf griechischen Inseln, reiste in viele Länder, unter anderem auch in die Schweiz. Sie hat viele Hobbys, für welche sie während der Arbeit kaum Zeit fand. Sie schreibt Jugendbücher, modelliert kleine Figuren, reist gerne.. Deshalb plante sie schon lange im Voraus, sich vorzeitig pensionieren zu lassen.

Sie spricht kaum übers Geld, macht auch nicht nur die Politik für ihre Situation verantwortlich. Aber sie hofft auf bessere Zeiten und lebt sparsam, wo es nur geht. Sie ist der Meinung, dass man nicht alles haben muss, um glücklich zu sein. Doch manchmal verzweifelt auch sie....

Sieht schwarz: Nennen wir ihn Jorgos. Wohnhaft in Athen

Er ist Gymnasiallehrer. Verdient nach der letzten Lohnreduktion 800 € im Monat.

Jorgos hat acht Jahre in Deutschland studiert und gearbeitet. Er spricht gut Deutsch. Zwei Jahre lebte er in England und spricht ebenfalls gut Englisch. Er lehrt Neu- und Altgriechisch im Gymnasium. Um seinen Lohn etwas aufzubessern gibt er Nachhilfeunterricht und Privatunterricht in Deutsch.

Trotzdem kann er seinen Lebensunterhalt damit nicht bestreiten. Einen Teil seiner Rechnungen bezahlt er deshalb in monatlichen Raten.

Jorgos ist von Ängsten und Panik vor den vielen Flüchtlingen geprägt: „Sie bleiben im Land, besetzen es. Für sie braucht der Staat das letzte Geld, das wir für uns dringend brauchten.“

„Wer weiss, wie lange es geht, bis die Flüchtlinge uns an der Wohnungstür bedrohen, weil sie so Essen und anderes zu erpressen versuchen? Wer weiss, wie lange es geht, bis unsere Frauen auf offener Strasse von den männlichen Flüchtlingen vergewaltigt werden?“ Jorgos kauft sich demnächst ein Gewehr und geht in den Schiessunterricht. So kann er sich im Notfall wehren.

„In der Regierung sitzen ausschliesslich Lügner. Sie stehen im Packt mit den wirklich Mächtigen, die diese Situation bei uns in Griechenland genau geplant haben. In nächster Zukunft wird sich ein Führer aus dem Volk finden. Wir sind daran, ihn zu suchen. Es wird einen Krieg mit vielen Toten geben. Nur so verändert sich unsere Situation.“

Seine Lebesauffassung bestätigt sich in vielen „Zeichen“ von aussen. Ein Glas zerbricht in seinen Händen: Kein Problem, Scherben bringen Glück. Im Kaffeesatz kann die Zukunft gelesen werden. Es gibt verschiedenste Zeichen. Oder jemand leert zum Beispiel versehentlich Wasser aus: Diese Person wird ihre Pläne nicht umsetzen können. Nach einem Missgeschick in seiner Wohnung wird diese mit Weihrauch ausgeräuchert. Dabei öffnet man alle Kastentüren und Fenster, damit der böse Geist entfliehen kann.

Jorgos ist ein Beispiel dafür, dass wir nüchternen Nordeuropäer die Griechen kaum je richtig verstehen werden. Ein grosser Teil der Griechen ist in unseren Augen „abergläubisch“. Für sie jedoch gehören all diese „Zeichen“ zu ihrer Kultur. Jorgos ist ein gebildeter Mensch, ist politisch und geschichtlich bis ins Detail informiert. Was nicht ausschliesst, dass eine Neigung zur Mystik für ihn eine Selbstverständlichkeit ist. Nicht alle, aber ein Grossteil der Griechen ist in diesem Weltblid verankert.

Die Leute auf dem Land, Kleinbauern: Nennen wir sie Anna und Jannis. Wohnhaft an der Westküste des Peleponnes

Sie sind pensioniert, besitzen einen grossen Olivenhain, Orangen-, Grapefruit-, Zitronenbäume, Reben. Schafe, Ziegen, Enten Gänse, Hühner. Und einen grossen Garten. Vor etwa zwanzig Jahren, als beide noch berufstätig waren, liessen sie sich ein grosses, schönes Haus bauen. Heute leben sie darin. Sie sind Selbstversorger. Im Betrieb hilft ein Albanerpaar mit, welches im kleineren Haus nebenan wohnt.

Auch ihnen wurden die Renten von monatlichen 1800 € auf 1200 € gekürzt. Natürlich rechneten sie nicht damit. Glücklicherweise haben sie mit ihrem Bio Olivenöl ein gesichertes Einkommen. Ein Abnehmer aus der Schweiz bezahlt ihnen einen guten Preis dafür. Zum Leben brauchen sie nicht viel, die Natur beschenkt sie reichlich.

Anna und Jannis geniessen ihr Leben, haben Freude an ihrem Garten, den Tieren. Sie interessieren sich für die antiken Stätten in ihrer Nähe, sie steigen auf die schönen nahen Berge und freuen sich an den herrlichen Stränden in ihrer Umgebung. Sie arbeiten gerne in ihrem Betrieb, arbeiten beide täglich hart.

Sie erleben die Krise sanfter als die Leute in der Stadt. Auch sie können sich nicht mehr alles leisten. Auch sie müssen die anfallenden Rechnungen, die Steuern, die hohen Mehrwertsteuern bezahlen können. Aber sie geniessen es, in der Natur zu sein und fühlen sich von ihr entschädigt.

Vom Dorf geht keiner mit leeren Händen. Das ist ein stillschweigendes Gesetz. Wer jemanden auf dem Land besucht, kann sicher sein, dass er vollgepackt mit Naturalien zurück in die Stadt kommt und davon über eine Woche zehren kann.

Das haben wir nicht nur bei Anna und Jannis erlebt. Auch die Kleinbauern Eleni und Alexandros aus Amfiklia, die wir besucht haben, haben denselben, lebensbejahenden und grosszügigen Eindruck hinterlassen. Die Leute vom Land wissen, dass sie, was immer auch kommen mag, zu Essen haben. Sie fühlen sich bedeutend unabhängiger von der Regierung als die Städter.

Die Unbekannten

Es gibt aber auch jene, die kein Dach über dem Kopf haben. Wir kennen sie nicht. Einige von ihnen verkaufen Kugelschreiber, Papiertaschentücher, andere betteln. Viele suchen in Abfallkontainern nach Brauchbarem. Sie schlafen auf der Strasse, Pappkarton als Matratze.

Flüchtlinge auf dem Victoriaplatz 

 

10. März - Winter in Athen

10.03.2016

Strafe muss sein...

Vor lauter Griechischlernen ist mir die Lust am Schreiben abhanden gekommen. Je länger man nicht schreibt, desto mehr gibt es zu erzählen, desto komplizierter wird es, das Erlebte zu bündeln... Ein Teufelskreis also.

Wo soll ich auch beginnen? Seit dem 14. November 2015 wohnen wir in Athen. Über airbnb haben wir eine möblierte Wohnung gemietet. Im 7. Stock, mit Sicht an einen kleinen Hang mit Fichten, deren Äste bis auf unseren Balkon ragen. Ruhig ist es hier, obwohl wir uns mitten in einem lärmigen, verkehrsreichen Viertel befinden. Am Morgen erwachen wir mit Vogelgezwitscher. Zur Metro Station läuft man nur zwei Minuten, besser könnte es nicht sein. Was man allerdings in diesen zwei Minuten unterwegs zu sehen kriegt grenzt oft ans Unerträgliche: Komplett überfüllte Mülltonnen, daher oft auch Müll neben den Kontainern, Müll auf dem Trottoir. Hat es lange nicht geregnet, muss man ganz schön aufpassen, dass man nicht in einen Hundekot tritt. Bevor man in die Metro runter steigt, sitzen oben allerhand gestrandete Gestalten... Eine kurze Erinnerung daran, dass es hier so etwas wie eine Krise gibt. Zu unserer besten Freundin ist es zu Fuss eine Viertelstunde, was wollen wir mehr. (Apropos Krise. Darüber schreibe ich ein nächstes mal.)

Vier Mal die Woche gehen wir für 2 ½ Stunden zu Maria, unserer Privatlehrerin. Sie spricht auch Deutsch, das macht Vieles einfacher. Denn die griechische Grammatik ist eher kompliziert, gelinde gesagt. Erst jetzt merken wir, auf was für eine schwierige Sprache wir uns eingelassen haben. Tag für Tag lernen wir, mehr oder weniger motiviert und stellen fest: On n'a plus vingt ans!

Doch es gibt auch Fortschritte: Letztes Wochenende besuchten wir Giota und Angelos. Die Beiden sprechen kaum englisch und trotzdem verbrachten wir zwei wunderschöne Tage mit ihnen. Die Verständigung lief zwar noch holprig, aber irgendwie ging es. Manchmal allerdings entstanden auch lustige Missverständnisse... Wir verstehen besser, als wir sprechen.

Jeden Mittwochabend gehe ich in den Tanzkurs und lerne die Tänze der vielen verschiedenen Inseln und Regionen vom Festland. In einer altersdurchmischten Gruppe, bestehend nur aus Griechinnen und Griechen. Darauf freue ich mich immer besonders.

An den Wochenenden kosten wir das riesige kulturelle Angebot dieser Grossstadt aus. Gehen in einen der vielen Musikclubs, in welchen griechische Livemusik gespielt wird, oder besuchen ein Jazzkonzert. Schauen uns ein Theater an oder besuchen ein Museum. Oft setzen wir uns auch in eine der vielen schönen Tavernen und lassen es uns gut gehen. Ab und zu bekochen wir Gäste oder wir werden eingeladen. Selten nur setzen wir uns ins Auto und besuchen Bekannte in der weiteren Umgebung.

Was uns ganz besonders gefällt ist, dass wir unsere Bergschuhe hier in der Wohnung anziehen können, und in zwanzig Minuten am Fusse des Ymittos sind. Ein langgezogener, 1000 Meter hoher Berg, der wild und steil zu besteigen ist und oben einen fantastischen Ausblick auf die ganze Stadt und weit übers Meer hinaus bietet. Da haben wir schon etliche, ausgiebige Bergtouren gemacht und dabei viel geschwitzt.

Und schon entsteht das Gefühl, hier zu Hause zu sein...

Tags:  Athen

Schwieriges Athen

13.08.2015

Mithilfe von Google Maps gelangen wir zu unserem Hotel in Athen. Kein einziges mal sind wir falsch gefahren, mühelos durch die ganze Stadt. Ich navigiere, Koni fährt. Ruhig, überlegt, gut gelaunt. Dabei muss immer gut geschaut werden, ob Keiner von links oder von rechts kommt. Denn überholt wird von beiden Seiten. Mittel- und Sicherheitslinien werden nicht beachtet, zweispurige Strassen können ebensogut als drei- oder vierspurige benutzt werden.

Für die vier Tage Aufenthalt wird unser Auto per Lift in ein Parkhaus verfrachtet, so müssen wir uns nicht weiter um einen sicheren Parkplatz kümmern. Dann geht's los zum ersten Bummel durch die Stadt. Nach der Zeit im grünen, reichen Norden Griechenlands ein wahrer Kulturschock!

Überall verkommene, verfallene Häuser. Kein Geld, weder um sie zu renovieren noch um sie abzureissen. In den Strassen riechts nach Urin und Abfällen. Plätze mit einst spiegelblanken Marmoböden sind grauschwarz verschmutzt, unordentlich, vernachlässigt. Aus den Springbrunnen spritzt fast nirgends mehr Wasser. Selbst in touristischen Gebieten sind zu viele Geschäfte geschlossen, Rollladen unten. Schmucklos.

Alle freien Flächen sind mit Graffiti versprayt, zum Teil mit wahren Kunstwerken. So oder so, sie sind ein wichtiges Zeitdokument, sprechen für sich.

Traurig stimmen einen die zahlreichen, völlig  verwahrlosten Bettler, die umherhumpelnden Kranken, die Obdachlosen, psychisch Verwirrten. Alte wie Junge. Wo sich ein trockenes, ruhiges Plätzchen zum Übernachten bietet, haben sie sich eingerichtet. Mit Pappkarton und Abfällen unserer Wohlstandsgesellschaft: Vielleicht findet einer einen Plastikstuhl um sich zu setzen, eine Matte um darauf zu schlafen, Lumpen um sich decken. Ein erschütterndes Bild, das einen unweigerlich an indische Zustände erinnert!

Da braut sich ein riesengrosses Armutsproblem zusammen, das, wird es erst einmal von der Regierung thematisiert, längst zu gross ist, um ihm noch Herr zu werden.