15. Mai - Brief an eine Freundin

22.05.2016

Liebe Anna

Deine Gedanken über’s Reisen bewegen mich, und hier in Chios kommen sie mir immer wieder in den Sinn.

Du sagst, dass du nicht in einem Land Ferien machen kannst, wo ein solches Flüchtlingsdrama stattfindet. Dass du tagtäglich von neuen Tragödien hörst. Dass du deine Rolle beim Reisen neu finden musst.

Es ist wichtig und gut, sich darüber im Klaren zu sein.

Reisen war für mich nie einfach abschalten. Es ist seit jeher eine Auseinandersetzung mit dem, was ich sehe. Ein Austausch mit den Leuten in dem Land, das ich besuche. Ein Kennenlernen der Freuden und der Nöte der Bewohner, ein Stück im Leben zusammen gehen. Und ich glaube, dass dieser Austausch für alle Beteiligten sehr wichtig ist.

Das ist für mich Reisen, und das sind für mich zugleich Ferien. Klar ist es ein Unterschied, ob man nur eine oder zwei Wochen vom Arbeitsstress abschalten will, oder ob man ein Jahr dafür Zeit hat. Aber ist es nicht auch der Unterbruch der täglichen Routine, der das sogenannte Feriengefühl ausmacht?

Wenn sich hier auf der Insel oder in Athen eine Gelegenheit bietet, mit einem Flüchtling zu sprechen, nehme ich diese wahr. Ich schaue mir die dicht gedrängten Zeltlager an, betrachte das Elend mit eigenen Augen, höre und rieche es. Räume an den Stränden all die angeschwemmten Schwimmwesten zusammen und mache mir meine Gedanken dazu. Sie sind aus lausigstem, billigstem Material, die Flüchtlinge haben ein halbes Vermögen dafür bezahlt. Und nun??? Trotz der beklemmenden Situation kann ich mir so ein authentisches Bild machen und meine, dass ich so der Realität wirklich begegne. Es ändert nichts, wenn ich zu Hause bleibe und die Not der Menschen im Fernsehen durch die Mattscheibe mitansehe. Das heisst nicht, dass sie mich nicht erschüttert...

Ich beobachte auch, dass es allen Beteiligten ein grosses Bedürfnis ist, von ihren Ängsten und Nöten zu erzählen. Nicht zuletzt auch den Griechen...

In der Hoffnung, dich doch irgendwann hier in Griechenland zu empfangen
Eva

Zu den Bildern

In Athen besuchten wir eine Ausstellung zum Thema - Zeichnungen von verschiedenen griechischen Cartoonisten. Einige sind bitterbös, andere einfühlsam... Seht selbst!