8. April - Die Polyphone Karawane

08.04.2016

Koni schreibt.

Ist es ein Traum, ist es die Wirklichkeit?

Nach dem Konzert träumte ich nachts tatsächlich von dem Konzert, das wir am Vorabend besucht hatten. Die Musik im Traum war wunderschön, wunderschön, ein einmaliges Erlebnis. Sie packte mich im Innersten, war nicht auszuhalten. Ich rannte weinend hinaus, nur weg, weg. Weshalb ich weine, wollte jemand wissen. Vor Freude, vor Schmerz darüber, dass wir (Schweizer, Nordeuropäer, modernen Menschen) diese Art des Singens, des Musizierens, des Zusammenseins verloren haben.

Soweit der Traum. Tatsächlich, in unserer alten Heimat können wir nicht einmal träumen von einem solchen Erlebnis, wie wir es gestern hatten. Aspasia, unsere Freundin aus Amfiklia, hat uns auf das Konzert aufmerksam gemacht: Alexander Lambridis gebe mit seiner Gruppe ein Konzert.

Wir haben den Alexander letzten Sommer in Karpathos kennengelernt, als er, wie Eva und ich, mehrere Kirchenfeste besucht hatte und die Musik, die dort gemacht wurde, auf Video festhielt. In Wahrheit haben wir uns nicht wirklich kennengelernt – er konzentrierte sich stark auf seine selbst gestellte Aufgabe, der er professionell, gut ausgerüstet und ausschliesslich nachging. Er war mir bei fast allen Aufnahmen, die ich machen wollte, irgendwie im Weg, und irgendwann gaben wir es, glaub ich, beide auf, den andern nicht im Bild zu haben. Alexander war der erste Kameramann, den ich singend hinter der Kamera stehen sah. Er schien alle Lieder zu kennen und sang, wie das alle Griechen tun, wenn sie die Lieder kennen, lautstark mit.

In der Zwischenzeit haben wir erfahren, dass Alexander eine Gruppe von Sängern leitet, welche die polyphone Vokalmusik aus Epirus, dem Norden Griechenlands, lebendig hält. Epirus ist die Gegend, wo wir letzten Sommer unsere Reise begonnen haben.

Die bulgarische Variante der polyphonen Vokalmusik kennt alle Welt dank der Aufnahmen von Catherine und Marcel Cellier, zweier Westschweizer, in den Siebziger Jahren. Die Schallplatten der Voix Bulgares waren damals das Beste, was man aus dem Balkan kannte. Tatsächlich ist diese Musik aber weiter verbreitet als nur in Bulgarien. Auch im Norden Griechenlands, in Albanien, in Teilen Süditaliens und Sardiniens bis Korsika lebt diese Musik. (und wohl auch noch anderen Orten, ich bin da kein Fachmann.) Noch lebt sie. Sie hat aber, wie viele andere Traditionen, einen immer schwereren Stand in einer zunehmend technisierten Gesellschaft.

Nun gut, wir freuten uns auf das Konzert, darauf, diese Musik live zu hören. Giota kam mit uns, und auch Aspasia reiste eigens aus Amfiklia an. Der Ort der Veranstaltung: Das „Spirituelle Zentrum von Epirus“, eine kleine Konzerthalle im siebten Stockwerk eines banalen Betongebäudes im Athener Zentrum. Wenn es heisst, das Konzert beginne um sieben Uhr – was ungewöhnlich früh ist – dann sind wir um viertel vor dort, und sind dann jeweils die fast Einzigen. Um gut halb acht war der Saal zu zwei Dritteln gefüllt, es konnte losgehen. Einstimmung mit zwei kurzen Ansprachen, einem Filmausschnitt, und endlich kommen die Sänger.

Ich versuche nicht, diese Musik zu beschreiben. Mein Vokabular reicht dafür nicht. Nur so viel: Es sind kurze Lieder, mehrstimmig, die hellen, kräftigen Frauenstimmen führen die Melodie, die Stimmen der Männer bilden das Fundament dafür. Die Töne reiben sich oft aneinander, und das Ergebnis ist unglaublich stark. Drei, vier Lieder in dieser Art, und schon kommt die erste Überraschung: Alexander – übrigens hier in drei Rollen als Sänger, Präsentator und Kameramann aktiv – kündigt eine albanische Gruppe an, Lot Kourbeti. Einer der Albaner, alle sind sie „Gastarbeiter“ in diesem Land, wendet sich zuerst ans Publikum, betont, dass die Musik die Landesgrenzen überschreitet und alle hier die gleiche Musik, die gleiche Kultur teilen, und wohl auch, dass die Musik sie eint. Acht Männer sind es, einer singt die Melodie und unterstützt mit Gesten, ein zweiter schmückt sie begleitend aus, die anderen sorgen fürs „Gradhebe“, wie die Appenzeller sagen. Sie singen lautstark, mit sichtbarer Freude, gar Begeisterung. Hier beginnt es wirklich interessant zu werden. Die Klänge dieser Musik wirken direkt im ganzen Körper, weichen ihn langsam auf, was am Ende zu dem oben beschriebenen Traum führt. Aber wir sind noch nicht am Ende des Konzerts, noch lange nicht.

Die nächste Überraschung wird angekündigt: Alexander erzählt – alles auf Griechisch übrigens, wir sind ja die beiden einzigen Nicht-Griechen hier, wie fast immer – wie sie einige Dorfbewohner in Epirus in einer Taverne kennengelernt haben. Wie mehrere Gruppen von ihnen über sieben Tische hinweg miteinander singend kommunizierten. Diese gleichen Leute waren nun hier und sangen ihre Lieder: Frauen und Männer gemeinsam. Musik aus einer anderen Zeit klingt an: Dorfleben, Viehzucht, Ackerbau, Leben in Steinhäusern, meterweise Schnee im langen Winter und Abgeschiedenheit, erfüllte – und vor allem unerfüllte – Liebe. Widerstand gegen die Besatzer, die Türken, die Deutschen. Bürgerkrieg. Armut.

Bald trat eine grosse Gruppe von bulgarischen Sängerinnen und Sängern auf, sie hatten gar ein etwa zehn- oder elfjähriges Mädchen dabei, das mitsang und sehr wach wirkte: Ein Lied sang das Mädchen gar solo gegen einen Dudelsack an, kein leichtes Unterfangen, das aber ganz gut gelang.

Weitere Sängerinnen und Sänger traten auf, langsam hatte ich den Überblick verloren, wer woher kam, es ist ja auch, für uns, egal. Nur ans Ende des offiziellen Teils des Konzerts erinnere ich mich gut, und dieses Ende werden Eva und ich nicht so schnell vergessen.

Direkt vor uns, in der ersten Reihe, sass ein älteres Ehepaar, ganz offensichtlich in der Szene bekannte und geachtete Leute. Der Mann wirkte behindert, konnte sich keinen Augenblick still halten, musste sich dauernd stark bewegen, was mich anfangs durchaus auch störte. Es war ihm aber anzumerken, dass er die Musik genoss, er sang immer wieder brummend und etwas falsch mit. Nach all der Musik rief Alexander alle Sänger auf die Bühne, es waren vielleicht dreissig oder vierzig Leute, und er bat auch das Paar vor uns in den Kreis der Sänger. Der Mann ging ungelenk am Stock und konnte auch auf der Bühne nicht ruhig stehen. Alexander erzählte davon, wie der Mann vor zwei Jahren einen Motorradunfall erlitten habe, seither behindert sei. Die Frau bedankte sich bei allen für die Hilfe und Unterstützung, welche sie von überall her täglich erhalten hätten. Schliesslich stimmt der Mann mit seiner zerstörten Stimme als Vorsänger ein Lied an, alle, die mithalten können, fallen mit ein, diese Musik ist stärker als das widrige Schicksal des Einzelnen. Diese Musik ist nicht schön, aber sie ist das Leben. Sie ist reine Energie.

Doch auch das geht zu Ende, alle freuen sich jetzt auf den nächsten Teil des Abends, draussen im Foyer stehen Essen und Trinken bereit – Musik ohne Essen und Trinken, das geht in Griechenland nicht wirklich gut, das gehört einfach zusammen. Alle, Sänger wie Publikum, langen zu, mampfen die angebotenen Snacks, trinken aus Plastikbechern einen einfachen Rotwein, oder auch was anderes.

Alles an diesem Abend ist kostenlos: Die Musik, das Essen, Trinken. Für uns aus dem Norden, wo alles kostet und seinen Preis hat, unvorstellbar. Und doch kennen wir alle diese Weisheit: Die besten Dinge im Leben kosten nichts. Oder sie sind unbezahlbar.

Und schon tönt es wieder aus einer Ecke des Konzertsaals. Die Albaner haben sich mit ihren Stühlen in einem Kreis zusammengesetzt und singen weiter. Einfach so. Aus Freude am Singen. Die Dorfbewohner aus Epirus lassen sich das nicht zweimal sagen! Fünf Meter neben den Albanern singen sie, ebenso laut, ebenso begeistert ihre Lieder. Es ist jetzt einfach zu schön, aufzuhören. Stellt man sich zwischen die beiden Gruppen, ist nicht mehr auszumachen, was woher klingt. Man badet im Klang, der Energie. Es ist unglaublich.

Ja, auch so ist diese Krise hier in Griechenland. Ich ahne langsam, weshalb die Griechen nicht unterzukriegen sind, trotz des wirtschaftlich mühsamen Lebens, das Viele führen müssen.

Je länger ich hier bin, umso öfter denke ich, dass die grosse Krise nicht hier zugeschlagen hat, sondern tausend, oder zweitausend Kilometer weiter im Norden. Oder ich träume nachts so, wie ich es eingangs beschrieben habe. Und ich träume tagsüber davon, dass wir irgendwo in Griechenland auf einem Blätz Land ein paar Dutzend Bäume pflanzen, im Sommer auf die Inseln fahren, noch viel mehr Konzerte besuchen, und vielleicht irgendwann einmal unsere eigenen Orangen, Oliven und Avocados hier ernten… Ganz so, wie es den Musikern schwerfällt, mit Singen aufzuhören, fällt es uns schwer, daran zu denken, dass unser Jahr in Griechenland in absehbarer Zeit vorbeisein soll. Eigentlich ist das ganz und gar unvorstellbar.

Alexandros Lambridis Polyphoniko Karawani

Lot Kourbeti aus Albanien

Sänger aus Epirus

Lot Kourbeti und die Sänger aus Epirus

Tags:  Athen Musik