19. März - Vom Leben in der Krise

19.03.2016

  • Wer leidet unter der Krise? Vom Mittelstand an alle, bis zum einfachsten Bürger.
  • Woher holt der Staat sich das fehlende Geld? Besonders vom Mittelstand und den selbständigen Kleinbetrieben.
  • Sieht man die „Superreichen“ noch? Klar, sie leben wie eh und je in Saus und Braus.
  • Wie lebt „man“ mit der Krise? Wir haben einige Menschen aus dem Mittelstand (oder was davon übrig geblieben ist) kennengelernt.

Unser Nachbar, der Fotograf: Nennen wir ihn Vangelis

Er war selbständiger Fotograf und konnte mit seinem Gehalt und dem seiner Frau als Verkäuferin gut leben. Die beiden haben einen zehnjährigen Sohn und wohnen in einer geräumigen Mietwohnung. Als in den letzten Jahren die Steuern insbesondere für selbständig Erwerbende angehoben wurden, wurde das Geld knapp. 60% des Einkommens müssen heute Selbständige an Steuern bezahlen, dazu kommen weitere 23% Mehrwertsteuern auf den Rest für praktische alle Waren, Lebensmittel und Dienstleistungen. Für einen Kleinunternehmer oder Selbständigen der sichere Tod.

So hat sich Vassili umgeschaut und eine Stelle als Fotojournalist bei einer Athener Zeitung angenommen, hinter der er eigentlich gar nicht stehen kann. Die Zeitung hat Boulevard-Charakter, und das widerstrebt ihm verständlicherweise.

Doch was bleibt ihm anderes übrig? In Zeiten wie diesen gibt es keine Wahl. Wer allzu anspruchsvoll ist, geht unter...

Wollte das Leben noch geniessen: Nennen wir sie Katharina. Wohnhaft in Athen

Sie war ihr Leben lang Gymnasiallehrerin. Hat sich frühzeitig pensionieren lassen. Seit der letzten Rentenkürzung erhält sie monatlich 600€. Das hat sie nicht einberechnet.

Für das Bankdarlehen ihrer Eigentumswohnung bezahlt sie 300 € pro Monat. Bleiben noch 300 € zum Leben. Vorletzte Woche starb jemand aus der Familie und sie musste mit dem Bus ins Heimatdorf reisen. Es liegt vier Fahrstunden nördlich von Athen. Kosten für die gesamte Reise: 160 €. Bleiben noch 140 €. Ein Unglück kommt selten alleine: Als sie einige Tage nach dem Begräbnis heimkommt, geht der Boiler kaputt. Kosten: 300 €. Schulden 160 €. Letzte Woche musste sie auch noch zum Zahnarzt. Kosten: 120 €. Schulden 280 €. Den Zahnarzt und den Boiler kann sie in monatlichen Raten abzahlen. Mit der Bank konnte sie vereinbaren, dass sie für die Wohnung dann wieder einzahlt, wenn sie mehr Geld im Portemonnaie hat. Auch die elektrische Zahnbürste gibt den Geist auf, egal, es geht auch ohne.

Katharina ist eine gebildete Frau in unserem Alter. Sie hat fünf Jahre in Paris studiert, gab dann Französischunterricht und Geschichte in einem Gymnasium in Athen. Noch vor fünf Jahren verbrachte sie ihre Ferien auf griechischen Inseln, reiste in viele Länder, unter anderem auch in die Schweiz. Sie hat viele Hobbys, für welche sie während der Arbeit kaum Zeit fand. Sie schreibt Jugendbücher, modelliert kleine Figuren, reist gerne.. Deshalb plante sie schon lange im Voraus, sich vorzeitig pensionieren zu lassen.

Sie spricht kaum übers Geld, macht auch nicht nur die Politik für ihre Situation verantwortlich. Aber sie hofft auf bessere Zeiten und lebt sparsam, wo es nur geht. Sie ist der Meinung, dass man nicht alles haben muss, um glücklich zu sein. Doch manchmal verzweifelt auch sie....

Sieht schwarz: Nennen wir ihn Jorgos. Wohnhaft in Athen

Er ist Gymnasiallehrer. Verdient nach der letzten Lohnreduktion 800 € im Monat.

Jorgos hat acht Jahre in Deutschland studiert und gearbeitet. Er spricht gut Deutsch. Zwei Jahre lebte er in England und spricht ebenfalls gut Englisch. Er lehrt Neu- und Altgriechisch im Gymnasium. Um seinen Lohn etwas aufzubessern gibt er Nachhilfeunterricht und Privatunterricht in Deutsch.

Trotzdem kann er seinen Lebensunterhalt damit nicht bestreiten. Einen Teil seiner Rechnungen bezahlt er deshalb in monatlichen Raten.

Jorgos ist von Ängsten und Panik vor den vielen Flüchtlingen geprägt: „Sie bleiben im Land, besetzen es. Für sie braucht der Staat das letzte Geld, das wir für uns dringend brauchten.“

„Wer weiss, wie lange es geht, bis die Flüchtlinge uns an der Wohnungstür bedrohen, weil sie so Essen und anderes zu erpressen versuchen? Wer weiss, wie lange es geht, bis unsere Frauen auf offener Strasse von den männlichen Flüchtlingen vergewaltigt werden?“ Jorgos kauft sich demnächst ein Gewehr und geht in den Schiessunterricht. So kann er sich im Notfall wehren.

„In der Regierung sitzen ausschliesslich Lügner. Sie stehen im Packt mit den wirklich Mächtigen, die diese Situation bei uns in Griechenland genau geplant haben. In nächster Zukunft wird sich ein Führer aus dem Volk finden. Wir sind daran, ihn zu suchen. Es wird einen Krieg mit vielen Toten geben. Nur so verändert sich unsere Situation.“

Seine Lebesauffassung bestätigt sich in vielen „Zeichen“ von aussen. Ein Glas zerbricht in seinen Händen: Kein Problem, Scherben bringen Glück. Im Kaffeesatz kann die Zukunft gelesen werden. Es gibt verschiedenste Zeichen. Oder jemand leert zum Beispiel versehentlich Wasser aus: Diese Person wird ihre Pläne nicht umsetzen können. Nach einem Missgeschick in seiner Wohnung wird diese mit Weihrauch ausgeräuchert. Dabei öffnet man alle Kastentüren und Fenster, damit der böse Geist entfliehen kann.

Jorgos ist ein Beispiel dafür, dass wir nüchternen Nordeuropäer die Griechen kaum je richtig verstehen werden. Ein grosser Teil der Griechen ist in unseren Augen „abergläubisch“. Für sie jedoch gehören all diese „Zeichen“ zu ihrer Kultur. Jorgos ist ein gebildeter Mensch, ist politisch und geschichtlich bis ins Detail informiert. Was nicht ausschliesst, dass eine Neigung zur Mystik für ihn eine Selbstverständlichkeit ist. Nicht alle, aber ein Grossteil der Griechen ist in diesem Weltblid verankert.

Die Leute auf dem Land, Kleinbauern: Nennen wir sie Anna und Jannis. Wohnhaft an der Westküste des Peleponnes

Sie sind pensioniert, besitzen einen grossen Olivenhain, Orangen-, Grapefruit-, Zitronenbäume, Reben. Schafe, Ziegen, Enten Gänse, Hühner. Und einen grossen Garten. Vor etwa zwanzig Jahren, als beide noch berufstätig waren, liessen sie sich ein grosses, schönes Haus bauen. Heute leben sie darin. Sie sind Selbstversorger. Im Betrieb hilft ein Albanerpaar mit, welches im kleineren Haus nebenan wohnt.

Auch ihnen wurden die Renten von monatlichen 1800 € auf 1200 € gekürzt. Natürlich rechneten sie nicht damit. Glücklicherweise haben sie mit ihrem Bio Olivenöl ein gesichertes Einkommen. Ein Abnehmer aus der Schweiz bezahlt ihnen einen guten Preis dafür. Zum Leben brauchen sie nicht viel, die Natur beschenkt sie reichlich.

Anna und Jannis geniessen ihr Leben, haben Freude an ihrem Garten, den Tieren. Sie interessieren sich für die antiken Stätten in ihrer Nähe, sie steigen auf die schönen nahen Berge und freuen sich an den herrlichen Stränden in ihrer Umgebung. Sie arbeiten gerne in ihrem Betrieb, arbeiten beide täglich hart.

Sie erleben die Krise sanfter als die Leute in der Stadt. Auch sie können sich nicht mehr alles leisten. Auch sie müssen die anfallenden Rechnungen, die Steuern, die hohen Mehrwertsteuern bezahlen können. Aber sie geniessen es, in der Natur zu sein und fühlen sich von ihr entschädigt.

Vom Dorf geht keiner mit leeren Händen. Das ist ein stillschweigendes Gesetz. Wer jemanden auf dem Land besucht, kann sicher sein, dass er vollgepackt mit Naturalien zurück in die Stadt kommt und davon über eine Woche zehren kann.

Das haben wir nicht nur bei Anna und Jannis erlebt. Auch die Kleinbauern Eleni und Alexandros aus Amfiklia, die wir besucht haben, haben denselben, lebensbejahenden und grosszügigen Eindruck hinterlassen. Die Leute vom Land wissen, dass sie, was immer auch kommen mag, zu Essen haben. Sie fühlen sich bedeutend unabhängiger von der Regierung als die Städter.

Die Unbekannten

Es gibt aber auch jene, die kein Dach über dem Kopf haben. Wir kennen sie nicht. Einige von ihnen verkaufen Kugelschreiber, Papiertaschentücher, andere betteln. Viele suchen in Abfallkontainern nach Brauchbarem. Sie schlafen auf der Strasse, Pappkarton als Matratze.

Flüchtlinge auf dem Victoriaplatz