Über die Menschen in Karpathos

21.09.2015

Die Menschen hier sind grosszügig und schenken sehr gerne.

Wie wir letzten Montag müde von einer Wanderung auf einer staubigen Strasse landen, bieten uns ein Mann und seine Schwester eine Mitfahrgelegenheit an. Gerne steigen wir ein! Sie sehen einfach aus, auch ihr Geländewagen ist bescheiden. Glücklich sitzen wir auf den Hintersitz und unterhalten uns mit den Beiden. Die Frau heisst Kalliopi. Sie hat seinerzeit in New York gewohnt und dort ihre Kinder gross gezogen. Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie wieder in Diafani. Ihr Bruder Mike betreibt zusammen mit seiner Frau ein Restaurant in Olympos.

Die Beiden waren eben in ihrem Rebgarten. Kalliopi schaut in ihre Tasche und zieht für uns zwei riesige Büschel frischer Trauben heraus. Nicht genug, sie will uns auch noch Brotringe geben. Wir sollen sie in Diafani doch mal besuchen... Am Ende der Fahrt winken wir beladen mit Geschenken zum Abschied.

Einen Tag später fahren wir von Diafani los, um Raphael auf dem Flughafen abzuholen. Da stellt sich eine resolute Frau in traditioneller Kleidung mit Sack und Pack in die Strasse: Sie muss nach Avlona in ihren Garten. Klar, gerne nehmen wir sie mit. Obwohl Avlona ein kleiner Umweg für uns ist, fahren wir sie dorthin. Wartet, sagt sie. Ich möchte euch noch etwas Feigen und Trauben aus meinem Garten schenken. Ich war ja so froh, dass ihr mich hergebracht habt! Und schon stehen wir da mit einer Tasche frischer Feigen und süsser Trauben in der Hand...

Dasselbe passiert uns jedes Mal, wenn wir mit einer Frage zu Anna gehen. Sie ist die Besitzerin unseres Hotels. Nie verlassen wir sie mit leeren Händen. Sie schenkt uns Olivenöl, selbstgebackenes Brot, Früchte und Gemüse, was sie gerade auf Lager hat.

Die Frauen

Nicht nur die Landschaft prägt ein Land. Die Menschen die darin wohnen sind ebenso wichtig. Dazu gehört deren Charakter, deren Sitten, aber auch deren Kleidung. Die Kleidung wiederum trägt zum Landschaftsbild bei. Die Frauen sind hierzulande recht dominant. Das äussert sich in ihrer selbstsicheren, resoluten Art. Ihre Stimme ist laut und bestimmt. Ihr Haarwuchs enorm, manch einer wachsen die schwarzen Haare auch im Gesicht.

Sie sind diejenigen, die herumkommandieren, Lasten tragen, kochen, das Brot backen. Ihr Körperbau ist meist recht stämmig. Auf ihrem Kopf tragen sie Lasten über zehn Kilogramm. Traditionsgemäss wird der ältesten Tochter das gesamte Erbe vermacht. Sie erhält damit auch die Pflicht, für die Eltern im Alter zu sorgen. Uns wurde aber auch schon von Familien erzählt, die ein ausgesprochenes Lieblingskind haben und diesem das Erbe vermachen. Allerdings entstehen dabei begreiflicherweise grosse Spannungen unterhalb den Kindern!

Ein Grossteil der Frauen von Nordkarpathos trägt die traditionelle Kleidung. Diese besteht aus einem schwarzen oder weissen Rock mit einer Schürze und einem mit Stickereien verzierten schwarzen Kopftuch. Für festliche Anlässe trägt sie eine farbige, mit Glitzerfäden durchwobene Schürze und ein schwarz-rot-grün geblumtes Kopftuch. Abends sitzen die Frauen zusammen auf dem Dorfplatz oder bei jemandem zu Hause, tauschen Neuigkeiten, lachen und geniessen die Gesellschaft.

Die Männer

Während die Frauen das Leben arrangieren, sitzen viele ihrer Männer im Kafenion, trinken Kaffee und Gebranntes, schwatzen, schweigen oder spielen Tavli. Nicht alle, versteht sich. Es gibt auch jene, die im Morgengrauen oder Abends ins Meer stechen um zu fischen. Einige tauchen bis zu 30 Meter Tiefe für einen begehrten Fang. Sie versorgen das Dorf mit eigenem Fisch.

Die Männer sind aber auch für die Musik zuständig. Jeder Knabe lernt ein Instrument, entweder Dudelsack, Laute oder Lyra. Ebenso kann jeder als Erster im Reihentanz den Vortänzer bestreiten, was nicht einfach ist. Je ausgefallener ihre Tanzsprünge umso beeindruckender der Mann. Auch die zeremoniellen Handlungen in den Kapellen fallen in den Aufgabebereich der Männer. Sie helfen dem Pfarrer beim Gesang. Schneiden das gesegnete Brot in Stücke, servieren den Schnaps.

Die Männer tragen keine traditionelle Kleidung. Die Älteren haben oft einen Stock mit dabei. Vielen wächst ein Bart oder Schnauz, frisch rasiert ist kaum einer. Ein Dreitagebart gehört zu einem echten Mann aus Nordkarpathos...

Die Touristen

Im Juli sind es mehrheitlich Österreicher und Franzosen. Im August gibt es zahlreiche Italiener. Sie suchen die schönen Strände hier auf Karpathos, lassen sich mit dem Ausflugsboot dahin bringen. Ist feragosto vorbei, hört man im September wieder viel Österreichisch, wenig Deutsch, ab und zu Holländisch oder Schweizerdeutsch. Diese Leute geniessen die vielen Wandermöglichkeiten und kombinieren sie mit schwimmen.

Je später der Sommer, desto älter das Publikum, manchmal könnte man gar meinen, man sei unter das Volk der Pensionierten geraten, uns miteingerechnet! Gottlob ist da noch Raphael, der uns gerade besucht und aus der Reihe der Alten tanzt...

Tags:  Karpathos